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Einkaufsstraße in Athen mit Griechischem Parlament

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09.03.2015

Griechenland-Krise Ökonomen rechnen mit drittem Hilfsprogramm für Athen

„Ansonsten käme es wohl zu einem Staatsbankrott.“

Berlin – Nach Einschätzung führender Ökonomen in Deutschland wird Griechenland nicht um ein drittes Hilfsprogramm herum kommen.

„Selbst wenn die fünfte Überprüfungsrunde der Reformauflagen Griechenlands spätestens Ende April erfolgreich abgeschlossen würde und die Staatengemeinschaft rund sieben Milliarden Euro Hilfskredite freigibt, wird es für Griechenland schwierig, im Juli zwei milliardenschwere Anleihen zurückzuzahlen“, sagte der Chefökonom der Commerzbank, Jörg Krämer, dem „Handelsblatt“ (Online-Ausgabe).

„Nachdem die Syriza-Regierung so viel Porzellan zerschlagen hat, scheint eine Mittelaufnahme bei privaten Investoren völlig unrealistisch“, sagte Krämer weiter. Damit bleibe Griechenland wohl nichts anderes übrig, als ein drittes Hilfsprogramm zu beantragen. „Ansonsten käme es wohl zu einem Staatsbankrott, was die EZB zwingen würde, den griechischen Banken die ELA-Notfallkredite zu entziehen, was einem Rauswurf aus der Währungsunion gleichkäme.“

Krämer geht von einem Hilfsprogramm mit einem Volumen von rund 20 Milliarden Euro für drei Jahre aus. Mit diesem Geld könne Griechenland drei Jahre lang seine Schulden bedienen. „Dann wäre für eine Zeit lang die Illusion aufrecht erhalten, dass Griechenland seine Schulden tragen kann“, sagte Krämer.

Auch aus Sicht des Chefvolkswirts der DZ Bank, Stefan Bielmeier, und des Direktors des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK), Gustav Horn, wird Griechenland aller Voraussicht nach ein drittes Hilfspaket benötigen. „Dabei wäre aber eine weitere Schuldenrestrukturierung – Verlängerung der Laufzeit und Absenkung der Verzinsung – sinnvoller als ein klassisches Hilfspaket“, sagte Bielmeier dem „Handelsblatt“ (Online-Ausgabe).

In einem solchen Fall könne Griechenland den zukünftig angestrebten Primärüberschuss im Haushalt nutzen, um sozialpolitische Veränderungen zu finanzieren und damit auch den weiterhin notwendigen Reformprozess entsprechend wirtschaftspolitisch abzufedern. „Gleichzeitig würden die Euro-Länder ihr finanzpolitisches Risiko nicht noch weiter erhöhen, falls Griechenland die angekündigten strukturellen Veränderungen doch nicht erbringt und sich die strukturelle Situation weiter verschlechtert.“

Nach Einschätzung von IMK-Chef Horn dürfte ein weiteres Hilfsprogramm geringer ausfallen als von vielen geschätzt. Denn die derzeitige Strategie der griechischen Regierung, die Sozialtransfers zu erhöhen, trage über deren Nachfragewirkung zu einer leichten Wirtschaftsbelebung bei. Das helfe das Defizit zu verringern und sollte auch den Weg für künftige Hilfe weisen, sagte Horn.

„Griechenland braucht ein Wachstumsprogramm mit investivem Charakter“, betonte der Ökonom. „Nur so können in Kombination mit den steuerpolitischen Strukturreformen die notwendigen Einnahmen erzielt werden, um den Schuldenstand zu reduzieren.“

Die Alternative, so Horn weiter, wäre ein Schuldenschnitt mit der „Gefahr erheblicher politischer und finanzieller Verwerfungen“. Nach Ansicht des Präsidenten des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, hat es die Regierung in Athen in der Hand, ein weiteres Hilfsprogramm noch abzuwenden.

„Wenn die Regierung kein drittes Programm will, dann muss sie Reformen aufzeigen, die die Finanzierungslücke von 30 bis 40 Milliarden Euro für die kommenden drei Jahre schließt und keine Geschenke der europäischen Nachbarn fordern“, sagte Fratzscher.

Dass Athen die Priorität darauf legt, über mehr private Investitionen Wachstum zu schaffen, hält Fratzscher für richtig. Das könne aber nur gelingen, wenn Unternehmen und Bürger wieder Vertrauen in die griechische Regierung haben.

„Viel davon hat die neue Regierung in den vergangenen Wochen verspielt und muss dies nun durch glaubwürdige Reformen zurückgewinnen.“ Ein nachhaltiges Wachstum erfordere aber auch, dass der griechische Staat nicht mehr über seine Verhältnisse lebe.

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