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„Nuclear Nation – Bürgermeister ohne Stadt

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12.02.2012

Berlinale „Nuclear Nation“ – Bürgermeister ohne Stadt

Forums-Beitrag “Nuclear Nation” porträtiert die zwangsevakuierten Bewohner einer Kleinstadt.

Berlin – Rund 6.500 Einwohner hatte das japanische Städtchen Futaba bis zum März vergangenen Jahres. Dann kam ein Erdbeben, danach der Tsunami und schließlich die Nuklearkatastrophe von Fukushima. Teile der Atomkraftanlage stehen im Stadtgebiet von Futaba. Was die Fluten nicht dem Erdboden gleichgemacht haben, ist heute eine Geisterstadt: Nukleare Sperrzone.

Der japanische Regisseur Funahashi Atsushi begleitete das vergangene Jahr jenen Teil der Einwohner mit der Kamera, der nach der Evakuierung in einer Schule im Umland von Tokio eine Notunterkunft gefunden hatte. Seine Dokumentation “Nuclear Nation” feierte am Wochenende im Forum-Programm der Berlinale Weltpremiere.

Erst vor wenigen Tagen habe er den Film fertiggestellt, sagt Atsushi im dapd-Gespräch. Die Dorfgemeinschaft von Futaba, beziehungsweise das, was über die Monate davon übriggeblieben ist, sei für ihn wie zu einer Wahlfamilie geworden, erzählt der 37-jährige Filmemacher. Mehr als 1.500 Menschen sind es zunächst, die in den großen Gemeinschaftsschlafsälen untergebracht werden und dort Monat für Monat weiter hoffen, irgendwann zurückkehren zu können. Mitten unter ihnen der Bürgermeister von Futaba, der versucht, Hoffnung zu verbreiten und seine Bürger zusammenzuhalten.

Wachsende Wut auf die japanischen Politiker

“Er ist für mich die tragischste Figur unter all diesen Menschen mit ihren individuellen Schicksalen”, sagt Atsushi. “Er symbolisiert das ganze Dilemma der Nuklearenergie in Japan. Denn der Bürgermeister gehörte einst zu den leidenschaftlichen Verfechtern der Atomkraft.” Nun ist er ein Bürgermeister ohne Stadt und die Hinhaltetaktik der Regierung lässt ihn verzweifeln. “Das zentrale Problem der Nuklearpolitik Japans ist, wie in vielen anderen Ländern, etwa Deutschland, dass die Atomlobby und die Atomsicherheitsbehörden eng miteinander verzahnt sind und nicht unabhängig von einander arbeiten”, sagt Funahashi Atsushi.

Der Bürgermeister von Futaba und seine Gemeinde haben einen hohen Preis bezahlen müssen. “Ihr habt stets behauptet, die Anlagen seien sicher”, empört sich der bis dahin so gelassen agierende Gemeindechef bei einem Treffen von Bürgermeistern. Jenen, denen sein Unmut gilt, den zuständigen Ministern und Vertretern der Kraftwerkbetreiberfirma Tepco, haben da nach kurzen Ansprachen die Veranstaltung allerdings schon wieder verlassen.

Haustiere wurden ihrem Schicksal überlassen

Doch nicht nur der Bürgermeister von Futaba hat seine Haltung zur Kernenergie verändert. Ein kleines Häufchen Kernkraftgegner zieht im Frühsommer durch die Straßen Tokios. Die Passanten schauen da noch skeptisch und irritiert. “Die Stimmung im Land hat sich seitdem verändert. Die Bewegung hat sich landesweit ausgebreitet. Zuletzt haben sich über eine Million bei einer Kundgebung in Tokio versammelt “, berichtet Atsushi.

Einer der bekanntesten Aktivisten sei jener Bauer, dem die berührendsten Minuten in “Nuclear Nation” gehören. “Meine Rinder und ich sind gleichermaßen Überlebende der Katastrophe”, sagt er in Atsuhis Film. Der Bauer, dessen Farm in der Sperrzone liegt, weigert sich, seine Rinder zu töten oder verhungern zu lassen und kümmert sich weiterhin um die inzwischen frei herumlaufenden Tiere. In benachbarten Bauernhöfen sind die Tiere nach der Evakuierung im Frühjahr qualvoll verdurstet oder verhungert. Die Kadaver liegen nun mumifiziert und immer noch angekettet in den Ställen.

Der Landstrich rund um Fukushima bleibt ein wahrscheinlich auf viele Jahrzehnte, wenn nicht gar Jahrhunderte unbewohnbares Areal. In dem Schulgebäude des Tokioer Vorortes harren derweil immer noch mehr als 500 Menschen aus und hoffen dennoch, bald in ihre Häuser nach Futaba zurückkehren zu können. “Sie wissen natürlich insgeheim, dass dies nicht möglich sein wird”, sagt Atsushi. Aber es seien vor allem ältere Menschen, die sich damit noch nicht hätten abfinden können. “Sie hängen an ihrem Land. Das ist ihre Geschichte, ihre Heimat, ihre Identität”, erklärt Atsuhsi. “Sie haben etwas verloren, was die Regierung und Tepco mit keinem Geld der Welt ersetzen können.”

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