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An der Unglücksstelle

© Peter Kneffel über dpa

25.03.2015

Germanwings 72 Deutsche an Bord von abgestürztem Flugzeug

Die Opferliste werde fortlaufend aktualisiert.

Seyne-les-Alpes/Köln – Bei der Flugzeugkatastrophe in den französischen Alpen sind mehr Deutsche ums Leben gekommen als angenommen. Wie Germanwings-Chef Thomas Winkelmann mitteilte, waren 72 Bundesbürger an Bord, als der Airbus A320 an einem Hochgebirgsmassiv in Südfrankreich zerschellte.

Zunächst hatte die Fluglinie von 67 Deutschen gesprochen, aber betont, dass sich die Zahl noch ändern könne.

Die Ursache für das Unglück mit insgesamt 150 Toten blieb bis Mittwochnachmittag völlig unklar. Erste Erkenntnisse darüber, was in den acht Minuten vor dem Absturz geschah, in denen die A320 fast 10 000 Meter Höhe verlor, erhoffen sich die Ermittler von dem bereits geborgenen Stimmenrekorder aus dem Cockpit. Erste Ergebnisse der Auswertung wollten die Experten am Nachmittag in Paris bekanntgeben. An der Auswertung sind auch Spezialisten aus Deutschland beteiligt. Die Suche nach der zweiten Blackbox dauerte länger.

Bundeskanzlerin Angela Merkel traf am Mittag in Begleitung von Nordrhein-Westfalens Ministerpräsidentin Hannelore Kraft in der Nähe der Absturzstelle in Seyne-les-Alpes ein. Gemeinsam mit Frankreichs Präsident François Hollande und Spaniens Regierungschef Mariano Rajoy wollten sie der Opfer gedenken und Hinterbliebene sprechen, die inzwischen in der Unglücksregion eingetroffen sind.

In ersten Gesprächen informierten sie sich über den Verlauf der schwierigen Bergungsarbeiten in dem schwer zugänglichen Gelände des Alpenmassivs. Merkel dankte den Einsatzkräften für deren Arbeit: „Das ist ein Zeichen unglaublicher Freundschaft und Hilfe. Wir sind sehr dankbar“, sagte sie.

Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) betonte in Berlin, es gebe keine belastbaren Hinweise dafür, dass Dritte den Absturz absichtlich herbeigeführt hätten. Frankreichs Innenminister Bernard Cazeneuve erklärte, es seien weiter alle Hypothesen auf dem Tisch.

Die Staatsanwaltschaft von Marseille nahm Ermittlungen wegen fahrlässiger Tötung auf. Die Flugüberwachung habe kurz vor dem Unglück vergeblich versucht, Kontakt zu dem Airbus herzustellen, sagte Staatsanwalt Brice Robin. Düsseldorfer Staatsanwälte übernahmen die deutschen Ermittlungen. Auch Experten der Braunschweiger Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung sind in Frankreich im Einsatz. Das Bundeskriminalamt bereitet sich darauf vor, bei der Identifizierung der Opfer mitzuhelfen.

Nach einer Zwangspause in der Nacht nahmen die Bergungsmannschaften ihre Arbeit wieder auf. Am Morgen starteten die ersten Hubschrauber zu der schwer zugänglichen Unglücksstelle, wo sich die Bergungsteams in das unwegsame Gelände abseilen müssen. Zugleich setzten rund 50 Spezialkräfte, die die Nacht in dem Bergmassiv in Biwaks verbracht hatten, ihren Aufstieg zum Absturzort fort.

Die Bergung der 150 Opfer wird nach Einschätzung der Experten extrem schwierig werden. Für die Angehörigen wurde in Seyne-les-Alpes ein Ort der Stille eingerichtet, Dolmetscher waren vor Ort. Die Lufthansa will an diesem Donnerstag weitere Hinterbliebene mit Sonderflügen nach Südfrankreich bringen.

Der Airbus A320 war am Dienstag auf dem Weg von Barcelona nach Düsseldorf mit 150 Menschen an Bord in der schwer zugänglichen Bergregion abgestürzt. Es handelt sich um eine der schwersten Katastrophen in der deutschen Luftfahrtgeschichte. US-Präsident Barack Obama und Papst Franziskus sprachen den Angehörigen ihr Beileid aus.

Die beim Absturz getöteten Schüler aus dem westfälischen Haltern waren für die verhängnisvolle Spanien-Reise ausgelost worden – weil es für die Teilnahme an dem Austauschtrip in die Nähe von Barcelona nach Angaben der Bezirksregierung mehr Bewerber als Plätze gegeben hatte. Mindestens einer der Schüler sei über die Nachrückliste zur Reisegruppe dazugestoßen.

Vor dem Joseph-König-Gymnasium im westfälischen Haltern erinnerte am Mittwochmorgen ein Lichtermeer an die 16 Schüler und zwei Lehrerinnen. „An unserer Schule wird nichts mehr so sein, wie es vorher war“, sagte Schulleiter Ulrich Wessel. „Gestern waren wir viele. Heute sind wir allein“, stand auf einem Schild auf dem Schulhof.

Das Bundesinnenministerium ordnete Trauerbeflaggung an allen Bundesbehörden an. Auch in Nordrhein-Westfalen und anderen Bundesländern wehen die Fahnen an Dienstgebäuden auf halbmast. Im Bundestag soll am Donnerstag der Opfer des Unglücks gedacht werden. Neben den deutschen waren auch Passagiere aus Spanien, Australien, Argentinien, Iran, Venezuela, den USA, Großbritannien, Niederlande, Kolumbien, Mexiko, Japan, Dänemark, Belgien und Israel an Bord.

24 Stunden nach dem Absturz wurde am Mittwoch um 10.53 Uhr mit einer Gedenkminute auf deutschen Flughäfen an die Opfer erinnert. Weltweit beteiligten sich Mitarbeiter von Germanwings, Lufthansa und anderen Fluggesellschaften. Auch das Bundeskabinett in Berlin legte eine Schweigeminute ein.

Germanwings strich am Dienstagabend zahlreiche Flüge. Etliche Besatzungen waren nicht zum Dienst gekommen. Auch am Mittwoch erklärten sich mehrere Crews für nicht einsatzbereit. Grund sei „der Schockzustand sowohl beim Kabinen- wie beim Cockpitpersonal“, sagte ein Sprecher der Fluggesellschaft. Am Mittwoch strich die Fluglinie nur einen einzigen Flug, ihren Flugbetrieb stemmte sie mit Hilfe der Konkurrenz.

Dass ein Teil des Germanwings-Personals es vorerst ablehne, mit einer Maschine des verunglückten Typs zu fliegen, „darauf haben wir keine Hinweise“, sagte der Sprecher der Fluglinie. Schon am Dienstagabend hatte der Lufthansa-Vorstandsvorsitzende Carsten Spohr versichert, der verunglückte Airbus der Tochter Germanwings sei „in hervorragendem technischen Zustand“ gewesen. Einen Zusammenhang zwischen dem Absturz und einer Reparatur der Maschine am Tag zuvor schloss Spohr aus.

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