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Zwischen Leben und Tod – Shootingstar in Bonn

© dapd

31.01.2012

Kris Martin Zwischen Leben und Tod – Shootingstar in Bonn

Kunstmuseum Bonn präsentiert erste große Retrospektive des Künstlers.

Bonn – Immer wieder rattert und klappert eine riesige Anzeigetafel aus dem Bahnhof – ohne jemals einen Ort oder Zeitpunkt anzugeben. Ein sieben Meter langes Schwert aus Bronze und Stahl ist gefährlich scharf – doch zu schwer, um es stemmen zu können. Kaum ein anderer Künstler spielt in seinen Werken mit der Zeit und dem Leben wie der Belgier Kris Martin. Er wird erst 40 Jahre alt, und gilt in der Kunstszene schon jetzt als geheimer Shootingstar. Das Bonner Kunstmuseum widmet dem Künstler ab Donnerstag die erste große Retrospektive in Europa.

Rund 50 spektakuläre Werke zeigen Martins ganze Bandbreite: Installationen, Zeichnungen, Fotografien, Skulpturen und Collagen. Martins Themen sind die Endlichkeit des Lebens und das Zwischenspiel von Leben und Tod. Eine getötete Biene, als Sinnbild für die menschliche Geringschätzung gegenüber anderen Lebewesen, hat er kurzerhand in Gold getaucht. Direkt daneben macht sich ein echter Heißluftballon breit. Doch er kann sich nicht entfalten, weil er durch Wände eingeengt wird. Größer könnte der Unterschied zwischen Exponaten nicht sein.

Die Fotoserie “Heaven on Earth” zeigt einen wunderschönen Sternenhimmel – aber nur auf den ersten Blick. Tatsächlich haben sich Staubkörner auf den Atelierboden gebildet, die Martin abgelichtet hat. Aus einem Urlaubshotel hat er zwei Pinnwände mitgenommen, auf denen sich einst Touristen mit ihren Erinnerungsfotos hinterließen. Jetzt sind die Flächen leer.

In “Verwandlung” schreibt Martin die komplette Erzählung von Franz Kafka auf nur ein einziges Blatt Papier. Das Resultat ist eine schwarze, nicht mehr lesbare Fläche.

Manche Werke sind auch im wahrsten Sinne des Wortes eine Gradwanderung: Der “Wanderer” besteht aus dem Schuh eines englischen Soldaten, der im Ersten Weltkrieg gefallen ist. In dem Stiefel steckt noch der Knochen. Nachdenklich stimmt auch ein Berg aus 706 Granathülsen. Kämpfer hatten die Überbleibsel noch im Krieg mit Blumen verziert und für den Alltag weitergenutzt. Martin hat sie nun glatt poliert, so dass sie zusammen wie ein Goldhaufen aussehen.

“Er provoziert Reaktionen”, sagt Kurator Volker Adolphs. “Wir werden angehalten und müssen uns damit beschäftigen.” Auch religiöse Themen sind in der Ausstellung “Every Day Of The Weak” (bis zum 22. April) präsent. Wuchtige Steinfelsen bilden eine Formation. Erst wenn man ganz genau hinsieht, erscheinen winzige Papierkreuze auf den Spitzen. Es ist eine Anlehnung an Caspar David Friedrichs Bild “Das Kreuz im Gebirge”. Und noch vor dem Museum schwingt eine Glocke, der aber der Klöppel fehlt und die deshalb lautlos bleibt.

Bisher wurden dem zurückhaltenden Künstler erst wenige Ausstellungen gewidmet. Dafür standen und hingen seine Werke schon im berühmten Museum of Modern Art in New York. Neben dem Kunstmuseum Bonn will auch das Lehmbruckmuseum in Duisburg den Senkrechtstarter (ab dem 10. Februar) präsentieren. Die Retrospektive soll weiter nach Aarau (Schweiz) und Hannover ziehen. Und was sagt Martin? “Ich bin eigentlich ganz normal, bin verheiratet, habe zwei Kinder.”

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