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Zeltstadt und Hungerstreik

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03.05.2012

EURO 2012-Fanmeile Zeltstadt und Hungerstreik

Solidarität mit Julia Timoschenko.

Kiew – Rund 100 Unterstützer der inhaftierten und schwer erkrankten Julia Timoschenko sind in der Ukraine aus Solidarität mit der Politikerin in den Hungerstreik getreten. Zwölf von ihnen protestieren mitten in der Kiewer Innenstadt, auf der Prachtstraße Kretschatik – dort wo in vier Wochen die größte Fan-Zone der Ukraine verlaufen soll.

Olexander Briganets trägt ein Stirnband mit der Aufschrift: „Ich hungere“. Zusammen mit rund 50 Unterstützern sitzt der hochgewachsene Mann in einem Campingsessel auf dem breiten Trottoir am Kretschatik. Vor den Boutiquen internationaler Modelabels stehen seit Monaten Zelte der ukrainischen Opposition. „Hier sind etwa ein Dutzend Leute im Hungerstreik, landesweit sind es etwa hundert, wir wollen wir den Druck auf unsere Regierung erhöhen“, sagt Briganets. Der parteilose Politiker hat einen Sitz im Kiewer Stadtrat und ist Mitglied im Ausschuss für Kultur und Tourismus.

Die Kiewer Fanmeile wird direkt am Zeltlager verlaufen. „Ich möchte, dass wir hier Aktionen veranstalten und mit den Fans aus aller Welt ins Gespräch kommen, um ihnen zu zeigen, dass der Fall Timoschenko alles andere als ein Einzelfall ist“, sagt der 50-Jährige.

Wer die Zeltstadt am Vormittag besucht, sieht, wie sich Passanten mit kostenlosem Infomaterial und Zeitungen eindecken. Rentner Volodymir kommt regelmäßig vorbei. „Ich nehme gleich mehrere Exemplare mit, die verteile ich dann auch an meine Nachbarin“, sagt der 63-Jährige. Leider würden die ukrainischen Massenmedien nicht unabhängig berichten.

Als Julia Timoschenko am 5. August im Gerichtsaal am Kretschatik Nummer 42 verhaftet wurde, war Danewitsch einer der ersten, der die Zelte aufstellte. Seitdem leben in den etwa 30 Zelten bis zu 50 Personen. Die meisten von ihnen sind Rentner. Immer wieder hatte die Stadtverwaltung die Protestierer vertreiben wollen. „Besonders schlimm war es, wenn sie unsere Zelte angezündet haben“, berichtet Nikolai Danewitsch. Regelmäßig komme es vor, dass Personen in Zivilkleidung versuchen, die Zelte zu beschädigen oder Bewohner zu verprügeln.

Es gibt aber auch Gegenbeispiele. Polizisten etwa. „Manche von ihnen haben uns gesagt, dass wir das Richtige tun, sie sind auf unserer Seite“, sagt Danewitsch. Ähnliches berichtet auch der Politiker Briganets. Er kennt genug Leute aus der Stadtverwaltung, die ihn immer wieder mit Informationen versorgen. „Vor Beginn der EURO 2012 werden sie sicher noch ein paar Mal versuchen, uns zu räumen“, befürchtet der 50-Jährige.

Alla Nedilko liegt in einem der Zelte, seit neun Tagen befindet sich die zerbrechlich wirkende Frau im Hungerstreik. Sie hofft, dass die jetzigen Proteste und die internationale Kritik an Präsident Janukowitsch zu einer friedlichen Lösung führen. Das Innere ihres Zeltes erinnert an eine orthodoxe Kirche, neben Ikonen und Kerzen hat sie zahlreiche Bilder und Porträts von Julia Timoschenko aufgestellt. „Ich weiß, dass Gott auf unsere Seite ist“, sagt die 56-Jährige leise.

Vor dem Männerzelt, in dem es sich die Rentner Boris, Olexej, Vladimir und Igor gemütlich gemacht haben, hängt eine Art Wandzeitung. „Das ist eine Chronik der Ereignisse, was seit dem Machtantritt unseres jetzigen Präsidenten alles schief gelaufen ist“, sagt Boris Zidnitski. Der ehemalige U-Boot-Fahrer kommt fast jeden Tag in die Zeltstadt, manchmal übernachtet er dort auch. „Ich möchte in einem unabhängigen Land leben“, sagt der 65-Jährige. Die jetzige Regierung habe kein Interesse, die Ukraine auf europäischen Kurs zu bringen. Der 72 Jahre alte Vladimir stimmt ihm zu. „Unsere Väter und Großväter sind für die Freiheit gestorben, auch heute sind viele Ukrainer dazu bereit“, glaubt der schmale Mann mit der großen Brille.

Nikolai Danewitsch sitzt schon wieder am Computer. Eines der Zelte ist als eine Art Zentrale eingerichtet. Mit Laptop und mehreren Handys bearbeitet er die neuesten Texte für die Wandzeitung. „Gestern haben wir das Interview von Außenminister Westerwelle übersetzen lassen, heute gibt es sogar eines von Bundeskanzlerin Merkel“, sagt der junge Mann. Kaum hatte er die Texte in eine Klarsichthülle geschweißt und an die Zeltwände befestigt, stoppt ein Pärchen und wirft einen Blick drauf. „In den ukrainischen Medien wird so etwas nicht veröffentlicht“, sagt die junge Frau und überfliegt den Text mit dem Merkel-Interview.

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