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Wie der Rock’n’Roll nach Hamburg kam

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06.04.2012

"Star-Club" Wie der Rock’n’Roll nach Hamburg kam

Vor 50 Jahren eröffnete in Hamburg der „Star-Club“ – Geschäftsführer Horst Fascher erinnert sich.

Hamburg – Vor der Großen Freiheit 39 in Hamburg steht heute ein schwarzer Gedenkstein mit goldener Gitarre. Er markiert einen der wichtigsten Orte für den Rock’n’Roll in Deutschland. Hier eröffnete am 13. April 1962 der „Star-Club“. „Das war was vollkommen Neues, wir hatten jeden Abend vier Bands“, erinnert sich der erste Geschäftsführer des Lokals, Horst Fascher. „Nicht umsonst haben wir damals auf das Eröffnungsplakat geschrieben ‚Die Not hat ein Ende. Die Zeiten der Dorfmusik sind vorbei‘.“

Zwar habe es mit Lokalen wie dem „Trichter“, dem „Kaiserkeller“ und dem späteren „Top Ten“ bereits Live-Musik-Läden in Hamburg gegeben, aber nirgends sei der Rock’n’Roll so zu hören gewesen, wie man ihn vom britischen Soldatensender BFN kannte, erklärt Fascher.

Dabei stieß die Eröffnung eines Rock’n’Roll-Clubs im Hamburger Vergnügungsviertel nicht überall auf Gegenliebe. „Die Polizei hatte uns ständig auf dem Kieker. Die wollten dem Club die Konzession entziehen. Bloß keinen Rock- oder Beatclub auf St. Pauli“, sagt der gebürtige Hamburger. Die Musik und ihre Klientel galten in den frühen 1960er Jahren als anrüchig.

Nach damaligen Polizeiberichten wurde der Club als „gefährlicher Ort“ eingestuft. Bereits drei Wochen nach der Eröffnung wurde die Polizei der Davidwache durch das zuständige Bezirksamt Hamburg-Mitte um eine „verstärkte Bestreifung und Kontrolle“ gebeten. Vor allem Verstöße gegen das Jugendschutzgesetz und Schlägereien waren laut Archivunterlagen der Polizei an der Tagesordnung, was für St. Pauli damals wie heute nicht ungewöhnlich ist.

Fascher selbst hatte bereits eine Kiezkarriere hinter sich, ehe er den Club mitgründete. Nach einer Lehre als Schiffszimmermann und Bootsbauer saß er aufgrund einer Schlägerei mit Seeleuten zunächst eine Haftstrafe wegen Körperverletzung mit Todesfolge ab. Danach arbeitete er als Kellner in verschiedenen Lokalen entlang der Reeperbahn, wo er die Kiezgröße Manfred Weissleder kennenlernte.

Die Beatles spielten zur Club-Eröffnung

Dem gefiel Faschers Idee eines Rock’n’Roll-Clubs mit im Stundentakt wechselnder Live-Musik. Weissleder bot Fascher an, einen Teil des Sternkinos zum Club auszubauen, und schickte ihn nach England, um Bands für den neuen Laden zu buchen. Bereits vor der Eröffnung buchte Fascher gegen Barzahlung 17 Bands für die neue Spielstätte.

„Mit Tony Sheridan hatte ich ja sowieso zu tun. Die Beatles hatte ich schon vorher aus Hamburg gekannt und ich wollte sie unbedingt zur Eröffnung für den ‚Star-Club‘ haben“, sagt Fascher. Die „Fab Four“ suchten gerade ein Studio für ihre erste Platte „Love Me Do“ und hatten ihr erstes Radiokonzert bei der BBC hinter sich, als sich der Vorhang im „Star-Club“ das erste Mal hob.

Jeden Abend spielten vier Bands. Jede Gruppe spielte eine Stunde vor und eine Stunde nach Mitternacht. „Damit hatten die Jungs einen viel besseren Drive. In anderen Läden spielte eine einzige Band von 20.00 bis 04.00 Uhr morgens durch. Da hatten die Zuschauer dann vollkommen müde Recken auf der Bühne stehen“, erklärt Fascher.

Türsteher gab es damals noch nicht

Insgesamt gaben die Beatles 1962 drei Gastspiele im „Star-Club“. Von Mitte April bis Ende Mai, im November und im Dezember traten die Pilzköpfe jeden Abend in dem Lokal in der Großen Freiheit auf. Trotz des Erfolges ging es in dem Lokal mitunter rau zu. „So etwas wie Türsteher gab es damals noch nicht auf St. Pauli“, sagt Fascher. Wenn Gäste den Portier des Hauses bei Seite schoben, musste sich der Geschäftsführer um das Rausschmeißen kümmern. Nach knapp drei Jahren hatte der ehemalige Hamburger Boxmeister Fascher acht Körperverletzungen angehäuft und bekam eine Bewährungsstrafe mit St. Pauli-Verbot.

Der „Star-Club“ erlangte rasch über die Grenzen der Hansestadt hinaus Bekanntheit und wurde zu einer Institution. Fats Domino, Jimmy Hendrix, Little Richard und Bill Haley spielten in dem Tanzlokal. Schließlich schloss der Club am 31. Dezember 1969 wegen finanzieller Probleme. Das Gebäude brannte 1987 ab. Horst Fascher verließ Deutschland und ging Mitte der 1960er Jahre als Musikmanager für die US-Steitkräfte nach Vietnam. Heute lebt der 76-Jährige wieder in seiner Geburtsstadt Hamburg.

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