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Virtuelle Kerzen und Kondolenzblogs für die Toten

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23.02.2012

"Trend der Zukunft" Virtuelle Kerzen und Kondolenzblogs für die Toten

Immer mehr Menschen trauern auf Internetportalen oder Foren.

Stuttgart/Mannheim – 99 Cent für die Ewigkeit: Im Internet können Angehörige von Verstorbenen virtuelle Kerzen anzünden, deren Flamme nie erlischt. Traueranzeigen, Gedenkseiten, Beileidsbekundungen, Kondolenzbücher – alles gibt es mittlerweile im Netz. Das Online-Geschäft mit dem Tod boomt: Beim Marktführer Emorial haben sich die Klickzahlen im vergangenen Jahr verdoppelt. Die Kommunikationswissenschaftlerin Sabina Misoch sieht im Online-Gedenken sogar den „Trend der Zukunft“.

Immer mehr Zeitungen bieten solche Portale im Netz an. Die überregionale „Süddeutsche Zeitung“ hat ihr eigenes Trauerportal „SZ-Gedenken.de„, das im November vergangenen Jahres gelauncht wurde. Seit kurzem sind auch „Stuttgarter Nachrichten“ und „Stuttgarter Zeitung“ dabei.

Auf „stuttgart-gedenkt.de“ erscheinen sämtliche Traueranzeigen aus den Blättern, Freunde und Bekannte können auf Gedenkseiten ihr Beileid ausdrücken. Dazu gibt es die virtuellen Kerzen für 99 Cent – oder ein Gratis-Teelicht. Für 30 Euro jährlich können auch Videos und Fotos hochgeladen werden. „Die Interaktion ist uns ganz wichtig gewesen“, sagt Mathias Bächle, der die Website betreut. Zum Beispiel könnten auch Leute, die nicht in Stuttgart leben, über das Portal ihr Beileid bekunden.

Auch Expertin Misoch sieht Vorteile gegenüber den gedruckten Traueranzeigen. Im Netz gebe es „viel bessere Möglichkeiten“, über Tod und Sterben zu kommunizieren, sagt die Juniorprofessorin an der Universität Mannheim. Vielen Menschen falle es leichter, über ihre Gefühle zu schreiben als darüber zu reden. „Es gibt zahlreiche Studien, die zeigen, dass online die Bereitschaft höher ist, etwas von sich preiszugeben“, sagt Misoch.

Das merken auch die Trauerportale. Bei „stuttgart-gedenkt.de“ hat sich die Zahl der Beileidsbekundungen im Januar gegenüber dem Startmonat Dezember verfünffacht. Auch die nach eigenen Angaben deutschlandweit größte Seite „emorial.de“ verzeichnet knapp vier Jahre nach dem Beginn noch steigende Besucherzahlen. An einem normalen Tag gingen 200 bis 300 Gäste auf die Seite, sagt Martin Kunz, einer der beiden Gründer. Wenn Prominente sterben und auch für sie Gedenkseiten eingerichtet werden, besuchen laut Kunz sogar mitunter mehrere tausend Menschen das Portal.

„Vor ein paar Jahren konnte man sich nicht wirklich vorstellen, ob Leute eine Internet-Plattform aufsuchen, wenn jemand verstorben ist“, erzählt Kunz. Für einen Schulkameraden habe er zusammen mit einem Freund das Trauerportal erstellt. Inzwischen gibt es 270.000 Einträge, Kunz verhandelt mit Zeitungsverlagen über mögliche Kooperationen.

Die gedruckte Traueranzeige wird seiner Meinung nach aber nicht verschwinden. „Das ergänzt sich wunderbar.“ Online-Gedenkseiten seien „ein Platz, wo ich Dinge hochladen kann, die sonst in der Schublade verschwinden würden“, sagt Kunz. Genutzt werde das Portal vor allem von 30- bis 50-Jährigen, die um ihre verstorbenen Eltern trauern. Bei jüngeren Menschen sei der Umgang mit dem Internet selbstverständlich.

Gute Zukunftsaussichten also für Trauerportale im Netz – wenn auch die Finanzierung stimmt. Die Seite „emorial.de“ bekomme das meiste Geld über die bezahlten Gedenkseiten, und das solle auch so bleiben, sagt Kunz. Bei „stuttgart-gedenkt.de“ hingegen setzt man auf Werbung, zum Beispiel von Bestattungsunternehmen.

Expertin Misoch hält diesen Weg für Erfolg versprechend. „Kostenpflichtige Angebote sind immer etwas problematisch und sie tragen sich wahrscheinlich nicht selber.“ Damit sie genutzt werden, müsse es zusätzliche Optionen geben, die Kostenlos-Portale auch in Zukunft nicht haben. „Da wüsste ich nicht, was das sein soll“, sagt Misoch.

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