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Und immer wieder Käsewürfel

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20.01.2012

Rundgang Und immer wieder Käsewürfel

“Volksnah, aber wenig trinkfest” – Aigner mogelt sich durch die Grüne Woche.

Berlin – Mit leerem Magen starrt Ilse Aigner auf das volle Schnapsglas. Es ist das erste von vielen an diesem Tag, das wusste sie vorher. Gefrühstückt hat sie trotzdem nicht – das hätten ihr die stolzen Bauern mit all den Leckereien kaum verziehen. Für die Bundeslandwirtschaftsministerin ist es schon die vierte Grüne Woche in Berlin seit ihrem Amtsantritt, da entstehen Erfahrungswerte. Ein bisschen Nippen, nett lächeln und dann unauffällig wegstellen – ohne solche Tricks lässt sich der traditionelle Rundgang auf der weltgrößten Agrarmesse kaum halbwegs nüchtern überstehen.

Unter Aigners männlichen Vorgängern ging es gegen Ende der Tour mitunter feuchtfröhlich zu. Mit der Grünen-Politikerin Renate Künast hielt dann die Askese Einzug. Auch deshalb ist die CSU-Frau erfreut, dass ihr an diesem Freitagmorgen Berlins launiger Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit beim gut vierstündigen Rundgang zur Seite steht – und nicht dessen gescheiterte Herausforderin: “Ich hatte kurzfristig schon befürchtet, ich müsste ihn mit Renate Künast machen”, witzelt Aigner.

Für die gebürtige Bayerin ist die Stippvisite bei stolzen Landwirten und urigen Bierbrauern ein Heimspiel. Passend zum Ambiente hat sie sich ins schwarz-grüne Dirndl geworfen und strahlt schon am frühen Morgen wie das pure Leben. Da blinzelt der müde Wowereit noch durch schmale Augenschlitze und schaut etwas zerknautscht aus der Wäsche. Es ist 7.45 Uhr, gereicht wird: rumänischer Pflaumenschnaps. “Ich glaube, wir haben einen guten Tag vor uns”, schmunzelt Aigner.

In 248 Minuten müssen sie und Wowereit 32 Stände mit regionalen Spezialitäten abhaken, so sieht es das Protokoll vor. “Turbomästen”, nennt es ein Begleiter aus dem Ministeriumstross. Südtiroler Schinkenröllchen, holländische Makrelenhappen, ungarischer Mohnstrudel und Käsewürfel. Immer wieder Käsewürfel. Als Aigner zum x-ten Mal eine der gelben Kalorienbomben unter die Nase gehalten bekommt, reicht sie das Tablett schnurstracks an den SPD-Mann weiter: “Nimm mal, Klaus, ist total lecker!”

Am tschechischen Stand hat Aigner vorerst genug von Schnäpsen und Likören. “Ich nehm’ erst mal ‘n Bier”, posaunt die gelernte Elektrotechnikerin, nimmt einen Schluck – und führt das Glas danach noch einige Mal an die Lippen, ohne dass der Inhalt abnähme. Es ist 8.36 Uhr, vor ihr liegen noch dreieinhalb Stunden.

Bei den südlichen Nachbarn kann Aigner mit ihrer bodenständigen Art punkten. Als “fesche Frau, volksnah, aber wenig trinkfest” beschreibt sie ein Mitarbeiter der österreichischen Landwirtschaftskammer. “Sie hat sich wesentlich gesteigert, wirkt viel unverkrampfter als in den letzten Jahren.” Derweil greift die Geschmeichelte schon hoffnungsfroh nach einem Glas Apfelsaft, als aus dem Hintergrund blitzschnell ein Tablett mit Weißwein nach vorne gereicht wird. “Und ich dachte schon, ich schaff’s ohne”, seufzt Aigner.

Gar nicht ohne schaffen will es Bauernpräsident Gerd Sonnleitner. Für den 63-Jährigen ist dies die 15. und letzte Grüne Woche, die er an der Spitze des mächtigen Agrarverbands erlebt – und ein Grund mehr, beherzt zuzugreifen. Abschiedsschmerzen habe er nicht, sagt Sonnleitner, “ich bin kein sentimentaler Mensch”. Aber dieser hektische Rundgang, durchgeplant bis in die letzte Minute, sei sein Ding nicht: “Nächstes Jahr komme ich als Gast wieder”, kündigt er an, “und dann nehme ich mir richtig Zeit für die Menschen hier”.

Als Landwirtschaftsministerin hat Aigner schon ganz andere Bewährungsproben als die Grüne Woche überstanden. Dioxinskandal, EHEC-Krise, Gammelfleisch und die jüngsten Antibiotikafunde fielen alle in ihre Amtszeit – werden aber an diesem Tag mit keinem Wort erwähnt. Es ist eine Leistungsschau, kritische Untertöne werden von den Ausstellern nicht wohlgelitten.

Nach viereinhalb Stunden in überfüllten Messegängen steigt die Ministerin schließlich etwas ermattet, aber bestens gelaunt in ihre Limousine und braust davon. Wowereit hat da gerade erst Betriebstemperatur erreicht. Als eine Assistentin über ihre müden Beine klagt, entgegnet das Stadtoberhaupt: “Was glauben Sie, wie’s mir geht? Ich habe heute um 7.45 Uhr mit 52-prozentigem Schnaps angefangen!”

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