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Stadtarchiv Stralsund kämpft gegen Schimmel

© dapd

21.02.2013

Schimmelbefall Stadtarchiv Stralsund kämpft gegen Schimmel

Experten beginnen mit der Sichtung und Reinigung der wertvollsten Bände.

Stralsund – Vorsichtig greift Burkhard Kunkel nach einem schweren Buchband. Im lichtdurchfluteten Glasschrank der sogenannten Reinraumwerkbank öffnet Stralsunds Stadtrestaurator den mit Metallscharnieren und -schnallen verschlossenen hölzernen Buchdeckel. Auf dem bräunlichen Pergament aus dem Jahre 1550 werden einzelne Stockflecken sichtbar, Zeichen der Zeit, womöglich aber auch Folgen einer jahrzehntelangen feuchten Lagerung im Stralsunder Stadtarchiv. Mit einem Ziegenhaarpinsel und einem Latexschwamm streift Kunkel vom Buchrücken der jahrhundertealten Grammatica feinsten Staub, der in dem Unterdruckraum sofort von Pumpen in Spezialfilter abgesaugt wird.

Durchschnittlich 15 Minuten dauert die Dekontamination eines einzigen Buches im sogenannten Schwarzraum, der vier Monate nach dem Bekanntwerden des Schimmelskandals im Stralsunder Stadtarchiv eingerichtet wurde. Dieser Tage beginnen Experten mit der Sichtung und Trockenreinigung der wertvollsten Bestände. Eine wahre Sisyphusaufgabe, sagt Kunkel. Immerhin stehen in den durchfeuchteten Archivräumen im Johanniskloster der Stadt in 1,8 Regal-Kilometern etwa 130.000 Bände, Urkunden und Akten.

Stadt nimmt auch externe Hilfe von Großwerkstätten in Anspruch

Weil die Dekontamination auf diese Weise rein rechnerisch bis zu 50 Jahre dauern würde, wolle die Stadt auch externe Hilfe annehmen, sagt Kultursenator Holger Albrecht. Derzeit werde mit mehreren deutschen Sanierungsateliers über die Auslagerung und Reinigung größerer Bestände verhandelt. Rund 250.000 Euro habe die Bürgerschaft kurzfristig für dieses Jahr zur Verfügung gestellt. Experten gehen von Kosten in Höhe von mindestens einer Million Euro aus. Immerhin signalisierten sie aber, dass der komplette Bestand gerettet werden kann.

In einem ersten Schritt sichten zurzeit in Stralsund Experten der Staatsbibliothek Berlin und der Universitätsbibliothek Leipzig die mittelalterlichen Handschriften und Inkunabeln. Das Archiv verfüge über 60 bis 70 wertvolle Stücke, darunter Handschriften aus dem 12. Jahrhundert und frühe Drucke aus dem 15. Jahrhundert, sagt Falk Eisermann. Einige seien bislang gar nicht bekannt gewesen. Sein überraschter Kollege von der Handschriftenzentrale Leipzig, Christoph Mackert, zum Beispiel habe gerade erst eine jahrhundertealte Handschrift aus einem Frauenkloster entdeckt.

Gereinigte Bücher kommen zunächst in Thermocontainer

Weil es zu den Stralsunder Altbeständen bislang keine publizierten Bestandsverzeichnisse gibt, nutzen die Experten die Gelegenheit, die wertvollen Unikate auch gleich zu katalogisieren. Bundesweit gebe es noch etwa 60.000 mittelalterliche Handschriften, sagt Mackert. Doch die wissenschaftliche Öffentlichkeit wisse nur sehr wenig über die Schätze, die in kleinen Archiven wie jenem in Stralsund verstaubten.

Wie lange das Stadtarchiv geschlossen bleibt ist, nicht absehbar. Vorerst werden die gesichteten und dekontaminierten Bücher in stählerne Thermocontainern gestapelt und an sicheren Orten zwischengelagert. In Stralsund geht man davon aus, dass die Bücherreinigung drei bis vier Jahre dauern wird. Noch völlig unklar ist, ob das Klosterdepot überhaupt je wieder als Bibliothek genutzt werden kann. Ersten Schätzungen zufolge könnten Sanierung und Umbau rund zwei Millionen Euro kosten.

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