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Gemischte Gefühle nach Papstrücktritt

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12.02.2013

Religion Gemischte Gefühle nach Papstrücktritt

„Vom Kreuz steigt man nicht herab.“

Rom – Am Tag der Rücktrittsankündigung von Benedikt XVI. wurde dem Papst auf der ganzen Welt Respekt für seine ungewöhnliche Entscheidung gezollt, 24 Stunden danach sind im Vatikan aber bereits die ersten Fragen und Spekulationen laut geworden. Dabei geht es nicht nur um den möglichen Nachfolger, sondern auch um die Gründe und die Rechtmäßigkeit der schweren Entscheidung des deutschen Pontifex.

„Vom Kreuz steigt man nicht herab“, zitierte der ehemalige Kurienbischof Stanislaw Dziwisz am Dienstag in einem Interview der römischen Zeitung „La Repubblica“ Johannes Paul II. Der polnische Papst war im Jahr 2005 knapp drei Wochen vor der Erhebung Joseph Ratzingers auf den Stuhl Petri im Alter von 84 Jahren nach langem Leiden gestorben. Bis zuletzt hatte Benedikts Vorgänger auf dem päpstlichen Thron ausgeharrt.

„Es ist absolut falsch, Vergleiche mit der Entscheidung von Benedikt anstellen zu wollen. Und es ist ungerecht, weil der aktuelle Papst mit seinem Schritt eine große Geste für die Weltkirche geleistet hat“, sagte Dziwisz, langjähriger Sekretär und Vertrauter von Johannes Paul II. Doch der pathetische Satz bleibt dennoch im Raum stehen, gemeinsam mit einer Frage: Darf ein Papst zurücktreten?

Das Kirchenrecht erlaubt Benedikts Schritt

„Das Kirchenrecht sieht diese Möglichkeit vor, auch wenn sie historisch kaum wahrgenommen wurde“, erklärte Navarro Valls, langjähriger Pressechef und Vertrauter von Johannes Paul II. Er vertraue den von Benedikt XVI. präsentierten Motiven für den Rücktritt, sagte Valls im Interview der Turiner Zeitung „La Stampa“. Zudem habe er keinerlei Zweifel daran, „dass niemand besser als Benedikt als großer Theologe die Essenz der Kirche und ihr Recht zu interpretieren weiß“.

Für Valls besteht im Übrigen ein entscheidender Unterschied zwischen der Altersschwäche von Johannes Paul II. und der des deutschen Papstes. „Johannes Paul II. war auch im größten Leiden noch in der Lage, alle Entscheidungen selbst zu treffen“, sagte Valls. „Er entschied über neue Ernennungen. Er hatte die Kraft, sein Pontifikat auszuüben.“

Ganz im Gegensatz zu Joseph Ratzinger, wie dieser selbst einräumte. Benedikt hatte am Montag sein eigenes „Unvermögen“, das Schiff des Heiligen Petrus‘ noch weiter durch eine ihm immer fremdere Welt zu lenken, mit folgenden Worten beschrieben: Wer die Weltkirche mit weit mehr als einer Milliarde Katholiken leiten wolle, brauche sowohl „die Kraft des Körpers als auch die Kraft des Geistes“.

Eine nun bestätigte Nachricht über eine vor wenigen Monaten im Geheimen vorgenommene Herzoperation scheint die „gesundheitlichen Gründe“ zu bekräftigen. Doch gibt es andere, politischere Thesen über die Hintergründe des Papstrücktritts, die eben dort ansetzen, wo Valls mit seinen Erläuterungen aufhört – bei den Entscheidungen und der Leitung der römischen Kurie.

Politologe spricht von Regierungskrise im Vatikan

„Wir wohnen der extremen, unwiderruflichen Schlussfolgerung einer Regierungskrise bei“, zitiert die Zeitung „Corriere della Sera“ den renommierten Politologen Massimo Franco am Dienstag. Benedikts Rücktritt sei „die Rebellion eines Heiligen Vaters im Angesicht einer Institution Kirche, die in wenigen Jahren von der beispielhaften Lebenslehrerin zur Sünderin geworden ist.“ Er spielt damit auf die letzte der zahlreichen Affären an, die Benedikts Pontifikat wie kaum ein anderes überschatteten: Vatileaks.

Für den Dokumentendiebstahl direkt vom päpstlichen Schreibtisch wurde der damalige Kammerdiener des Papstes, Paolo Gabriele, im vergangenen Jahr verurteilt und inzwischen vom Papst wieder begnadigt. Dass der schlichte Diener der eigentliche Drahtzieher der absolut einmaligen Affäre war, glaubt jedoch niemand so richtig. Der Schriftsteller Marco Politi sah schon vor Prozessbeginn tiefe Grabenkämpfe innerhalb der römischen Kurie als eigentlichen Hintergrund. Vatileaks sei vermutlich von einer Gruppe von Dissidenten organisiert worden, die das Unbehagen in der Kurie widerspiegele, so Politi. Und es habe sich mit Sicherheit gegen den Staatssekretär Benedikts gerichtet: Kardinal Tarcisio Bertone, den Benedikt seinerseits immer in Schutz genommen hatte, der aber von Kritikern als herrisch, machthungrig und ineffizient beschrieben wird.

Die Spekulationen werden vermutlich erst einmal im Raum stehen bleiben. Benedikts einmaliger Schritt wird in die Kirchengeschichte eingehen und vielleicht auch eine kleine Reform des Papsttums einleiten. „Der unmodernste aller möglichen Päpste hat die modernste aller möglichen Entscheidungen getroffen“, würdigte US-Journalist und Benedikt-Kritiker Carl Bernstein die Entscheidung des deutschen Papstes.

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