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Viele Probleme erwarten Benedikts Nachfolger

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27.02.2013

Religion Viele Probleme erwarten Benedikts Nachfolger

Kurienstreit nur ein kleiner Teil der massiven Probleme.

Rom – Sein Pontifikat begann mit einem Wechselbad der Gefühle und endete mit einer Revolution. Als Joseph Ratzinger im April 2005 zum neuen Papst ernannt wurde, war es erst 17 Tage her, dass Hunderttausende Johannes Paul II. zu Grabe getragen hatten. Für den Deutschen war die Wahl eine Überraschung. Vatikanisten und Freunde erzählen noch heute, er habe die Erhebung auf den Stuhl Petri damals empfunden wie einen Gang zum Schafott. Reformer befürchteten Stillstand und konservative Strenge von Ratzinger, der als Präfekt der Glaubenskongregation als „Großinquisitor“ verschrien war.

„Sein Rücktritt ist die wahre Revolution seiner Amtszeit“, würdigten nun selbst scharfe Kritiker Benedikts überraschende Ankündigung. Hohe Kirchenmitglieder gestanden ihm trotz aller Konsterniertheit zu, das Amt des Papstes auf positive Weise „entmythisiert“ zu haben. Bis heute bemühte er sich, auf dem konservativen Kurs seines polnischen Vorgängers die Einheit der Kirche zu bewahren.

Probleme in Rom, Probleme in der Welt

Spaltungen schadeten der Kirche, warnte Benedikt XVI. nicht von ungefähr bei seiner letzten Liturgie zum Aschermittwoch. Handlungen gegen die Einheit der Kirche und der Kurie verunstalteten das Antlitz der Kirche, sagte der scheidende Papst. Es klang wie ein Testament an seinen Nachfolger. „Die Kirche ist gespaltener als es scheint – zwischen Gläubigen und vatikanischer Hierarchie, zwischen Konservativen und Modernen“, kommentierten italienische Medien.

Vatikan-Experten hatten wiederholt über gravierende Zwistigkeiten innerhalb der römischen Kurie berichtet. Manch einer hatte gar den Rücktritt Benedikts als letzte Schlussfolgerung einer „vatikanischen Regierungskrise“ gesehen. Bei aller Schwere ist der Kurienstreit dennoch nur ein kleiner Teil der massiven Probleme und Baustellen, die den Nachfolger des deutschen Pontifex an der Spitze der Weltkirche mit 1,2 Milliarden Gläubigen erwarten.

Wenig Gläubige in Asien

Jeder der fünf Kontinente hat andere Herausforderungen zu bieten. Warten Katholiken im europäischen Raum schon lange auf Antworten in Fragen zur Ökumene, Frauen in der Kirche, Sexualmoral und Zölibat, sind außerhalb Europas oftmals soziale Probleme virulenter. Auf Gewalt, Korruption und Drogenhandel in Lateinamerika sowie Hungersnöte und Christenverfolgung, Aids und Armut in Afrika muss die katholische Kirche ebenso eine Antwort haben wie auf die Glaubenskrise der westlichen Welt. Unterstützung aus Rom brauchen und fordern Kirchenleute und Gläubige, um ihre Probleme zu bewältigen.

Hinzu kommt das vernachlässigte Asien. Nur wenige Christen zählt der bevölkerungsreichste Kontinent. Und Benedikt appellierte zwar immer wieder etwa an die Regierung der Volksrepublik China, die Religionsfreiheit zu respektieren, doch die Verhältnisse sind bis heute schwierig. Unter dem Stichwort Neu-Evangelisierung ist Asien damit eine der größten Herausforderungen für die katholische Kirche. Die unter Benedikt ausgebliebene Asienreise dürfte ein Muss für seinen Nachfolger werden. Auch ein asiatischer Papst – wie zum Beispiel der von Benedikt geschätzte Erzbischof von Manila, der 55-jährige Luis Antonio Tagle – könnte hier eine Wende bedeuten.

Der Missbrauchsskandal – Eine unverheilte Wunde

Will die katholische Kirche aus dem vielerorts aggressiven Ringen mit Pfingstkirchen und anderen religiösen Gruppen und Sekten als Gewinner hervorgehen, muss sie Antworten finden und dafür auch bereit sein, neue Wege zu gehen. So verlor etwa die katholische Kirche in Deutschland 2010, im Jahr des Missbrauchsskandals, mehr als 180.000 Mitglieder – erstmals mehr Austritte als Taufen. Im vergangenen Jahr pendelte sich der Wert mit 126.488 Abgängern wieder auf dem Niveau von 2009 ein. Das Problem bleibt jedoch bestehen.

Benedikt stellte sich demütig und betroffen dem Skandal um den massiven sexuellen Missbrauch hinter Kirchenmauern. Energisch setzte er sich dafür ein, unter dem Motto „Null-Toleranz“ und „Transparenz“ Strategien zur Vorbeugung zu erarbeiten. Die offen betonte Bereitschaft und Forderung, mit der weltlichen Justiz zusammenzuarbeiten, hatte es vor ihm noch nicht gegeben.

Dennoch ist die Wunde nicht verheilt. Schwer wiegen die Vorwürfe der Opfer, die auch dem deutschen Pontifex selbst anlasten, während seiner Zeit an der Spitze der Glaubenskongregation nicht genug getan zu haben. Er habe immer mehr eine Strategie für die Täter und nicht für die Opfer verfolgt. Selbst das Konklave zur Wahl von Benedikts Nachfolger ist überschattet von Protesten von Opferverbänden gegen die Teilnahme von umstrittenen Kardinälen am Kardinalskollegium, denen die Vertuschung von Missbrauchsfällen vorgeworfen wird.

Neuer Papst, neues Glück?

Der neue Papst müsse „die Kommunikationsgabe von Johannes Paul II. und die tiefschürfende Intelligenz Benedikts XVI. in sich vereinen, um der schwierigen Aufgabe, die ihn erwartet, gewachsen zu sein“, schrieb die Turiner „La Stampa“ eine Woche vor dem Rücktritt. Doch noch ist alles offen. Reformer hoffen auf einen moderneren Papst, Konservative auf einen Nachfolger mit demselben Profil seines Vorgängers. Vieles wird auch davon abhängen, von welchem Kontinent der neue Pontifex kommt. Nach Benedikts ungewöhnlichem Rückzug ist künftig dieser Schritt nicht mehr ausgeschlossen. Auch das könnte – und nicht nur in puncto Alter des Papstes – zu einer vollkommen neuen Dynamik innerhalb der Kirche führen.

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