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Die Regierungschefin und der Papst

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11.02.2013

Religion Die Regierungschefin und der Papst

Verhältnis von Merkel und Papst Benedikt XVI. war zeitweise sehr belastet.

Berlin – Mit Rücktritten hat Angela Merkel (CDU) in diesen Tagen eine gewisse Routine. Am Samstag drückte die Kanzlerin der scheidenden Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) ihren Respekt aus, am Rosenmontag kommt ein Paukenschlag aus Rom: Der deutsche Papst Benedikt XVI. kündigt für Ende Februar seinen Rücktritt aus gesundheitlichen Gründen an.

Die deutsche Regierungschefin tritt also erneut vor die blaue Wand im ersten Stock des Kanzleramts, um eine Rücktrittsentscheidung zu würdigen. Die CDU-Vorsitzende äußert ihren „allerhöchsten Respekt“. Sie hebt hervor, dass Benedikt den Dialog mit anderen Kirchen und Religionen gesucht und Juden wie Muslimen die Hand gereicht habe. Die Kanzlerin bescheinigt dem scheidenden Oberhaupt der katholischen Kirche Bescheidenheit, eine „tiefe Bildung“ und ein Gefühl für historische Zusammenhänge.

Dann wird sie persönlich. Unvergessen bleibe ihr die Ansprache, die der Papst im September 2011 vor dem Deutschen Bundestag hielt. „Er beschrieb darin unsere grundlegende Aufgabe als Politiker, dem Recht zu dienen und der Herrschaft des Unrechts zu wehren. Es war eine Sternstunde unseres Parlaments, und die Worte des Papstes werden mich persönlich noch lange begleiten“, sagt sie.

So ungetrübt war das Verhältnis zwischen Merkel und dem Vatikan aber nicht immer. Die Kanzlerin stand vor vier Jahren an selber Stelle und äußerte sich ebenfalls zum Papst. Es waren nur zwei kleine Sätze damals, aber sie schlugen hohe Wellen – in der Regierung, der CDU und der katholischen Kirche. Merkel sagte im Februar 2009 bei einem Pressestatement im Kanzleramt, Papst Benedikt XVI. und der Vatikan müssten „eindeutig klarstellen, dass es keine Leugnung des Holocaust geben darf“ und es „einen positiven Umgang … mit dem Judentum insgesamt“ geben müsse. Merkel ergänzte damals, es sei normalerweise nicht ihre Aufgabe, innerkirchliche Entscheidungen zu bewerten. Bei Grundsatzfragen sei das aber etwas anderes.

Da war sie, die „Papst-Kritik“ der evangelischen CDU-Vorsitzenden aus Ostdeutschland. Zu Beginn des Jahres 2009 schlug die Aufhebung der Exkommunikation von vier Pius-Brüdern, darunter die des britischen Bischofs Richard Williamson, durch den deutschen Papst hohe Wellen. Williamson hatte in einem Interview behauptet, die historische Evidenz spreche gegen die Existenz von Gaskammern zur NS-Zeit.

Der Kölner Erzbischof Joachim Kardinal Meisner forderte Merkel in der „Bild“-Zeitung danach öffentlich zur Entschuldigung auf: „Zeigen Sie Größe und entschuldigen Sie sich, Frau Bundeskanzlerin“, verlangte er. Die Äußerung Merkels sei eine „der größten Fehlleistungen“ gewesen, der Ton „völlig unangemessen“.

Auch aus der CDU und CSU kam massive Kritik, der Vorwurf, Merkel vergraule mit ihrer Einlassung die christliche Klientel, war noch einer der harmloseren Vorwürfe. Sachsen-Anhalts früherer Ministerpräsident Werner Münch trat aus der CDU aus und begründete den Schritt mit der Art und Weise, wie Merkel den deutschen Papst „öffentlich diskreditiert und gedemütigt hat“. Der CDU-Politiker Georg Brunnhuber sagte nach einer Audienz beim Papst, es herrsche in Rom der Eindruck, „dass alle antikatholischen Ressentiments, die in Deutschland schlummern, jetzt an die Oberfläche kommen“.

Merkel selbst war nach Aussage ihres Umfelds auf die Reaktionen vorbereitet, ließ sich aber nicht von ihrem Kurs abbringen. Der Eindruck, dass eine deutsche Kanzlerin zur öffentlichen Leugnung des Holocausts schweigt, wog für sie schwerer – dafür nahm sie die vorhersehbare Schelte in Kauf.

Gespräch in Berlin

Beim Besuch im Herbst 2011 traf sie unter schwersten Sicherheitsvorkehrungen am Sitz der Deutschen Bischofskonferenz mit Papst Benedikt XVI. zusammen. Zu dem Treffen kam auch ihr Ehemann Joachim Sauer dazu. Als Geschenk überreichte Merkel dem Papst ein Notenblatt mit gregorianischen Gesängen aus einem deutschen Messbuch aus dem 14. bis 17. Jahrhundert. Der Papst revanchierte sich mit einer Majolika, einer Keramik, verziert mit einem Brunnenmotiv aus den vatikanischen Gärten.

Papst-Sprecher Federico Lombardi ergänzte hinterher, das Gespräch habe in „sehr freundlicher Atmosphäre“ stattgefunden, die Papst-Kritik von Merkel aus dem Jahr 2009 habe die Unterredung „absolut nicht“ belastet. Vielmehr habe der Papst die Gelegenheit genutzt, seine große Wertschätzung für Deutschland auszudrücken.

Merkel, Tochter eines evangelischen Pfarrers, sagt am Montag rückblickend zu ihren Gesprächen mit dem Oberhaupt der katholischen Kirche: „Ich denke an seine tiefe Bildung, sein Gefühl für die großen historischen Zusammenhänge und sein immer lebendiges Interesse an den Fragen der europäischen Einigung.“ Die deutsche Regierungschefin äußert ihren tiefen Respekt vor dem deutschen Papst – dessen politisches Handeln sie jedoch während seines Pontifikats stets auch kritisch begleitete.

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