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Reich-Ranicki schildert Erlebnisse im Warschauer Ghetto

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27.01.2012

Holocaust Reich-Ranicki schildert Erlebnisse im Warschauer Ghetto

Literaturkritiker erinnert in einer Rede im Bundestag an die Gräuel der Nationalsozialisten.

Berlin – In einer ergreifenden Rede hat der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki im Bundestag an die grausamen Taten der Nazis im Warschauer Ghetto erinnert. Der 91-Jährige schilderte am Freitagmorgen anlässlich der Gedenkstunde für die Opfer des Nationalsozialismus seine persönlichen Erlebnisse.

Reich-Ranicki ist einer der letzten lebenden Zeitzeugen des Warschauer Ghettos. Er spreche vor dem Bundestag nicht als Historiker, sagte Reich-Ranicki, sondern “als ein Zeitzeuge, genauer: als Überlebender des Warschauer Ghettos”.

1938 war Reich-Ranicki aus Berlin nach Polen deportiert worden. Später kam er in das von den Nazis errichtete Warschauer Ghetto. “Dort lebten meine Eltern, mein Bruder und schließlich ich selber. Dort habe ich meine Frau kennengelernt”, berichtete er. Seine Eltern und sein Bruder wurden von den Nazis ermordet. Reich-Ranicki und seiner Ehefrau gelang die Flucht aus dem Ghetto.

In seiner Rede berichtete Reich-Ranicki detailliert über die Ereignisse um den 22. Juli 1942. An diesem Tag begann die Deportation der Juden aus Warschau in das Vernichtungslager Treblinka. “Was die ‘Umsiedlung’ der Juden genannt wurde, war bloß eine Aussiedlung – die Aussiedlung aus Warschau. Sie hatte nur ein Ziel, sie hatte nur einen Zweck: den Tod”, sagte der Publizist.

Bundestagspräsident Norbert Lammert rief die Gesellschaft dazu auf, sich gegen rechtsextremistische und antisemitische Tendenzen zur Wehr zu setzen. “Das Haus der Wannseekonferenz ist heute einer der vielen Orte der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft, die uns erinnern und mahnen, uns dafür einzusetzen, dass in Deutschland alle Menschen frei und gleich und ohne Angst leben können”, sagte der CDU-Politiker.

Mit Blick auf die Ereignisse um die Zwickauer Terrorzelle fügte er hinzu: “Die vergangenen Wochen und Monate mit der Aufdeckung einer beispiellosen Mordserie haben uns allerdings wieder vor Augen geführt, dass wir dieses Ziel noch nicht erreicht haben.” Der rechtsterroristischen Gruppe, die im November 2011 aufflog, werden zahlreiche Morde an Ausländern bundesweit zur Last gelegt. Mehr als ein Jahrzehnt lang konnte sie ihre Straftaten unerkannt verüben.

Lammert zitierte zudem aus einer kürzlich veröffentlichten Studie zum Antisemitismus, wonach 20 Prozent der Bürger antisemitisches Gedankengut aufweisen. “Das ist für Deutschland genau 20 Prozent zu viel”, sagte Lammert.

Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dieter Graumann, würdigte derweil das Gedenken an die Opfer der NS-Zeit als vorbildlich. Mit Blick auf die Feierstunde im Bundestag und mehreren Landtagen sprach Graumann von einem wichtigen Signal, das im Ausland und gerade in Israel positiv aufgenommen werde.

Es sei wichtig, dass es ein solch regelmäßiges Gedenken an die Nazi-Opfer gebe, sagte er im Interview mit der Nachrichtenagentur dapd. Es sei ein Anlass zurückzublicken und darüber nachzudenken, welche Lehren zu ziehen seien. Dagegen gehe es überhaupt nicht um irgendeine Schuldzuweisung an die heute in Deutschland lebenden Menschen, bekräftigte der Präsident des Zentralrats.

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