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Natascha Kampuschs 3096 Tage

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26.02.2013

Entführungsdrama Natascha Kampuschs 3096 Tage

Film über Entführungsdrama hat Premiere.

Wien – Es ist eine immer noch verstörende Geschichte. Entsprechend gewaltig der Andrang: Bis auf den letzten Platz besetzt war am Montagabend der Saal eines Kinozentrums im Süden Wiens. Medienschaffende, heimische und ausländische Prominenz, ein exquisites Premierenpublikum, das sich noch eine Stunde gedulden musste, bis Heldin und Hauptdarsteller ihren Auftritt auf dem roten Teppich hinter sich gebracht hatten.

Die Heldin: Natascha Kampusch, jenes Wiener Mädel, das 1998 als Zehnjährige auf dem Schulweg entführt wurde und erst als 18-jährige wieder in Freiheit kam. Um ihr Schicksal geht es in dem Film, dessen Erstaufführung zu feiern war: „3096 Tage“. So lange war Kampusch in Gefangenschaft, bis sie ihrem Peiniger entrann. Zur Aufklärung offener Fragen trägt der Film wenig bei. Die Besucher allerdings gaben sich äußerst betroffen

Ein wenig stand die Premiere in Wien auch im Schatten der Oscar-Nacht von Los Angeles. Der Jubel über zwei österreichische Erfolge, die Auszeichnungen für den Regisseur Michael Haneke, dessen Film „Amour“ als bester ausländischer Film gekrönt wurde, und dem Schauspieler Christoph Waltz, der für seine Nebenrolle in „Django Unchained“ bereits den zweiten Oscar bekam, ist unter den Filmschaffenden des Landes noch nicht verhallt.

Anlass zu solch patriotischem Jubel bietet der Kampusch-Film hingegen kaum. Er ist keine österreichische, sondern eine internationale Produktion. Österreich liefert dazu nur die Geschichte, das spannungsgeladene Verhältnis eines Kindes und ihres psychisch und sexuell gestörten Kidnappers, der sein Opfer mehrere Jahre in einem Kellerloch gefangen hält. Der Fall Natascha Kampusch hat auch nichts mit den viel zitierten Abgründen der österreichischen Seele zu tun, er könnte überall passieren, „es ist eigentlich eine universelle Geschichte“, wie die deutsch-amerikanische Regisseurin Sherry Hormann vor der Filmpremiere sagte.

Vor der Premiere sah man Hormann neben der Heldin ihrer Geschichte in die Kameras Dutzender TV-Teams und Fotografen aus dem In- und Ausland lächeln. Kampusch ist heute eine etwas mollig wirkende, mittlerweile 25-Jährige. Im Stillen schien sie den Rummel sogar zu genießen. Fragen beantwortete sie nicht. Neben ihr und Hormann standen die Darsteller Antonia Campbell-Hughes, die Natascha als junge Frau spielt, und der Däne Thure Lindhardt, der den Entführer Wolfgang Priklopil darstellt.

Kritik von beklemmend bis anrührend

Regisseurin Hormann sprach von einer „Heldengeschichte“, weil Natascha Kampusch in der Gefangenschaft selbst als Kind Kräfte entwickelt habe, „die stärker gewesen sind als das ihr auferlegte Schicksal“. Ob der Film diese Botschaft wirklich vermittelt, darüber gibt es unter den professionellen Beobachtern Zweifel. Der Kritiker des Staatssenders ORF sah ein „ein beklemmendes, klaustrophobisches Kammerspiel“, hingegen fand sein Kollege vom Wiener „Standard“, der Regisseurin sei es in kaum einer Szene gelungen, „etwas von der Überlebensstrategie zu vermitteln, mit der Natascha Kampusch sich allmählich aus dem Kellerloch befreit“ habe.

Als „äußerst bedrückend“ empfanden jedenfalls die meisten Zuschauer den beinahe zwei Stunden dauernden Film. Vor allem wühlte die kleine Britin Amalia Pidgeon, die Natascha als Kind darstellt, die Herzen auf. Wenig überzeugt hat Priklopil-Darsteller Lindhardt, eher „ein unschuldig aussehender Unhold“ denn ein Psychopath, wie ein Kritiker schreibt.

Sex nur im Film

Bislang hatte Kampusch stets abgelehnt, zu Gerüchten über ein sexuelles Verhältnis zu ihrem Entführer Stellung zu nehmen. Ihr darüber hinaus nicht immer geschickter Umgang mit den Medien bescherte ihr reichlich Schelte, sie wurde auch offen auf der Straße beschimpft. Und jetzt zeigt der Film in voyeuristisch anmutenden Szenen, wie sich der Entführer an seinem jugendlichen Opfer vergeht.

Obwohl Kampusch starken Einfluss auf das Drehbuch hatte – es beruht auf ihrem 2010 erschienenen Buch gleichen Titels – musste sie offenbar Zugeständnisse machen. Vorwürfe, sie vermarkte ihr Schicksal, wies Kampusch vor der Premiere in einem ORF-Gespräch brüsk zurück: Leute, die dies behaupten, sollten sich den Film ansehen, dann „sagen sie das sicherlich nicht mehr“.

Zumindest die Premierengäste blieben ihr die Anerkennung nicht schuldig: Nach Ende des Films herrschte für Minuten beklemmende Stille, ehe der Applaus einsetzte.

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