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Noch mehr Theater um den Kachelmann-Prozess

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13.04.2012

"Kachelmanns Rashomon" Noch mehr Theater um den Kachelmann-Prozess

Auf einer Mannheimer Bühne steht der Wettermoderator noch einmal vor Gericht.

Mannheim – Fast ein Jahr nachdem Wettermoderator Jörg Kachelmann aus Mangel an Beweisen vom Vorwurf der Vergewaltigung freigesprochen wurde, holt eine Mannheimer Theatergruppe den dramatauglichen Stoff auf die Bühne. Dem Theater-Regisseur und Autor des Stücks, Sascha Koal, geht es dabei vor allem „um die prinzipielle Brüchigkeit von Wahrheit“.

Nach seinen Freispruch kündigte Kachelmann eine schriftliche Aufarbeitung des neun Monate dauernden Prozesses am Landgericht Mannheim an. Das Buch mit dem Titel „Mannheim“ sollte bereits im Januar erscheinen. Bisher ist das Werk nicht veröffentlicht worden. Stattdessen wird nun am Samstag das Stück „Kachelmanns Rashomon“ auf der kleinen schummrigen Bühne auf dem Felina-Areal uraufgeführt.

Dort, wo ein Mannheimer Textilunternehmen für Unterwäsche und Dessous seinen Sitz hat, stellen die Schauspieler Sarah Gros und Dirk Mühlbach die grundverschiedenen Versionen dar, die Kachelmann und seine ehemalige Geliebte dem Gericht für die Nacht vom 8. auf den 9. Februar 2010 geliefert hatten.

Die ehemalige Geliebte beschuldigte den Moderator, er habe sie mit einem Messer bedroht und vergewaltigt. Die Anwälte des Angeklagten wiederum argumentierten, die Frau habe sich mit diesem Vorwurf aus enttäuschter Liebe gerächt. Was zwischen dem Schweizer und der Frau tatsächlich vorgefallen ist, konnte nicht geklärt werden. „Der heutige Freispruch beruht nicht darauf, dass die Kammer von der Unschuld des Angeklagten überzeugt ist und im Gegenzug von einer Falschbeschuldigung der Nebenklägerin“, sagte der Vorsitzende Richter Michael Seidling bei der Urteilsverkündung am 31. Mai 2011.

Der Titel des Theaterstücks spiele auf die Erzählung „Im Dickicht“ des japanischen Autors Akutagawa Ryunosuke an, die unter dem Titel „Rashomon oder Das Lustwäldchen“ von Akira Kurosawa verfilmt wurde, sagt Koal. Wie in dieser Erzählung gehe es auch in dem Mannheimer Theaterstück um die Undurchsichtigkeit, die entstehe, wenn verschiedene Protagonisten einen Vorgang aus ihren jeweiligen Perspektiven schildern, sagt der Autor des eineinhalb Stunden dauernden Stücks. Auch gehe es darum, wie der Fall von den Medien ausgeschlachtet und vermarktet werde, sei es von Zeitungen, der Filmbranche oder Theatermachern.

So schlüpfen die Darsteller auch in die Rollen derer, die mit dem Prozess Geld verdient haben oder es noch vorhaben. Schauspieler Dirk Mühlbach schwadroniert etwa als kaltschnäuziger Filmproduzent über die grandiosen Möglichkeiten, die dieser Fall aus enttäuschter Liebe und sexueller Freiheit für einen Film bietet. Auch die Zusammenarbeit zwischen Frauenrechtlerin Alice Schwarzer und einem Boulevardblatt wird in einer Szene dargestellt.

Aus Sicht von Schauspieler Mühlbach stellt sich der Fall Kachelmann wie eine griechische Tragödie dar. Die beiden späteren Prozessgegner hätten elf Jahre lang eine Beziehung gepflegt, am Ende habe die Frau Kachelmann als Monster bezeichnet. „Es ist nicht einfach, jemanden zu spielen, der ein wenig an Dr. Jekyll und Mr. Hyde erinnert. Das ist eine ständige Gradwanderung“, sagt der 48-Jährige. Seine Partnerin auf der Bühne, die 37 Jahre alte Sarah Gros, findet das Spiel mit den verschiedenen Möglichkeiten – hier der psychopathische Vergewaltiger, dort die rachsüchtige Geliebte, die mit einer angeblichen Falschbeschuldigung das Leben des früheren Geliebten zerstören will – spannend: „Beides ist nachvollziehbar.“

Das Stück nehme bewusst keine Position ein, sagt der Autor und Regisseur. „Ich habe zwar dazu eine Meinung, die wird aber nicht auf der Bühne geäußert“, sagt Koal. Trotzdem rechne er damit, dass einer der Anwälte des Wettermoderators ihm mit einer Unterlassungsklage droht werde.

Mittlerweile hat sich der Moderator selbst zu dem Stück geäußert. Über einen Internetdienst ließ der 53-Jährige wissen, was er von der Sache hält: „Ich habe eine lügende Schwetzinger Falschbeschuldigerin ausgehalten, lügende Schwetzinger Polizisten, eine lügende Mannheimer Staatsanwaltschaft und 132 Tage unschuldig im Herzogenried“, schreibt er. Da komme es nun auch nicht mehr auf die Theatermacher an, die mit dem Namen Kachelmann „ein paar Leute mehr in ihre provinzielle Kleinkunstwelt locken wollen“.

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