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Mit den Ohren sehen

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16.02.2012

Berlinale Mit den Ohren sehen

Begegnung mit einem Blinden, der sich den Film “Barbara” auf der Berlinale anschaut.

Berlin – Vorsichtig wird der blinde Thorsten Wolf in den Kinosaal geführt. Er hat auf der Berlinale die Möglichkeit bekommen, trotz seiner Behinderung einen Kinofilm anzuschauen – durch seine Vorstellungskraft.

Wolf ist einer von 60 sehbehinderten Menschen, die den Berlinale-Film “Barbara” im Kino mithilfe von Kopfhörern sehen können. In dem DDR-Drama spielt Nina Hoss eine Berliner Ärztin, die einen Ausreiseantrag in den Westen gestellt hat. “Man hört ganz normal über den Saalton den Original-Filmton. Meine Stimme kommt immer nur dann, wenn im Film Pausen sind”, sagt Anke Nicolai vom Verein Hörfilm aus Berlin. “Ich gehe auf Personen ein, ihre Gestik, Mimik, auf Raumbeschreibung, Kameraführung. Aber immer nur in dem Rahmen, wie der Film mir Pausen lässt. Ich kann mal ein bisschen weiter ausholen und mal muss es ganz kurz und präzise formuliert sein”, fügt die 35-Jährige hinzu, die mit ihrem Verein an diesem Abend die Live-Audiodeskription übernimmt. Dabei sollen visuelle Wahrnehmungen in Sprache zu übersetzt werden.

Die studierte Sozialpädagogin verfolgt ein höheres Ziel mit ihrem Engagement, wie sie sagt. “Mir geht es vor allem darum, tatsächlich die Teilhabe von blinden Menschen zu ermöglichen, dass sie wenigstens bei den zwei Veranstaltungen, die wir organisieren, nicht ausgeschlossen sind, sondern wie wir alle ins Kino gehen können”, betont sie. Neben den Filmvorführungen organisiert Nicolai mit ihrem Verein auch barrierefreie Opern- und Theaterabende. Sie wolle durch die Veranstaltungen auch Barrieren abbauen und sehende Menschen daran erinnern, dass es Entwicklungen für Blinde gibt.

Vom kleinen Sehriss zur völligen Blindheit

Thorsten Wolf, der sich an diesem Abend den Film von Christian Petzold anschauen wird, ist erst schleichend blind geworden. Im Kindesalter hatte er einen kleinen Sehriss. Ursprünglich sah er damit noch Umrisse und Farben. Mit 16 fiel ihm dann auf, dass er immer stärker von seinen Erinnerungen lebt. Während Thorsten Wolf auf den Beginn des Filmes wartet, liest er eine Musikzeitung in Blindenschrift.

“Für Filme habe ich mich schon immer interessiert”, erzählt der 47-Jährige. In seiner Familie gehörte auch Fernsehen zum Kulturprogramm. Seine drei sehenden Geschwister gaben ihm kurze Beschreibungen, wenn er den Handlungsstrang verloren hatte. Er kennt also die Idee, Pausen für die Bildbeschreibung zu nutzen, schon lange. “Hörfilme bereichern mein Leben, denn man bekommt Filme noch einmal in einer ganz anderen Qualität geboten und hat dadurch einen zusätzlichen Zugang zu ihnen”, sagt er. Schon im Jahr 2003 sah er einen der ersten Kinofilme mit Filmbeschreibung in Berlin, “Die Stille nach dem Schuss”, unweit von seinem Wohnort Berlin-Friedenau.

Wolf ist 1995 aus Hannover nach Berlin gezogen, nachdem er sein Jurastudium in Regelstudienzeit absolviert hatte. Er paukte mit auf Band gelesenen Texten und Datenbanken. Jetzt arbeitet er als Dezernent in der Widerspruchsstelle bei der Deutschen Rentenversicherung Bund und hat eine Assistentin. “Ich habe eine Menge Glück gehabt. Hier war man bereit und guten Willens jemanden einzustellen, der nichts sieht. Das ist ganz häufig ein Problem der Vorstellung: Kann der das denn?”, sagt Wolf, der auch einen Berliner Sportverein für Sehbehinderte leitet.

Als Blinder sei es mühsamer, sich bestimmte Dinge zu erschließen. Für den Kinoabend musste er sich durchfragen, ein gewisser organisatorischer Aufwand gehöre dazu und dass man systematisch an die Aufgaben rangehe. Während Wolf in der Schlange steht, um seine Kopfhörer nach der Filmvorführung wieder abzugeben, lächelt er zufrieden. Er hat ein positives Weltbild: “Ich kann mir doch die Karten, die mir das Leben auf die Hand spielt, nicht aussuchen. Das ist wie beim Skatspiel. Ich kann mich da einen ganzen Abend ärgern, dass ich solche Blätter auf der Hand habe, aber ich muss doch was draus machen, aus dem was ich habe”, sagt er.

Auf der Berlinale wird am Donnerstag (16. Februar) das Familiendrama “Was bleibt” und am Samstag (18. Februar) die Literaturverfilmung “Die Wand” mit Audiodeskription zu sehen sein.

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