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„Mir graut vor diesem Prozess

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16.04.2012

Massaker von Utöya „Mir graut vor diesem Prozess“

Verfahren gegen Breivik stürzt Überlebende des Massakers von Utöya in Konflikte.

Oslo – Als Per Anders Langeröd von dem Bombenanschlag in Oslo erfuhr, beruhigte er seine Facebook-Freunde mit dem Hinweis, er sei „auf Utöya in Sicherheit“. Kurz darauf kam der Terror auch in das Ferienlager der sozialdemokratischen Jugendorganisation auf der Insel. Als Polizist verkleidet, machte der Attentäter Anders Behring Breivik Jagd auf die zumeist jungen Teilnehmer des Camps. Langeröd schwamm um sein Leben, hinaus auf den eiskalten See.

Die Überlebenden des Blutbads am 22. Juli vergangenen Jahres sind darauf gefasst, dass das Entsetzliche sie einholt, wenn Breivik jetzt vor Gericht steht. „Mir graut vor dem Prozess“, sagte der 26 Jahre alte Student Langeröd vor dem Verhandlungsauftakt am Montag. „Es wird alles wieder hochkommen. Geschichten. Fragen. Hätte ich andere retten können? Hätte ich mehr tun können? Es war purer Zufall, dass ich überlebt habe.“

Insgesamt 77 Menschen tötete Breivik an jenem Sommertag mit einer Bombe und gezielten Schüssen. Der 33-Jährige wiederholte am Montag vor Gericht sein Geständnis, bezeichnete sich aber erneut für nicht schuldig im strafrechtlichen Sinn. Er betrachtet sich als eine Art Kreuzritter und begründet die Anschläge auf Vertreter der politischen Linken damit, dass er Norwegen vor einer Islamisierung schützen müsse. Über Breiviks Zurechnungsfähigkeit streiten die Experten. Dass er vor Gericht Reue zeigt, ist nicht zu erwarten. Selbst seine Anwälte sagen, er bedauere bloß, dass es nicht noch mehr Tote gegeben habe. „Das ist schwer zu begreifen, aber ich erzähle Ihnen das, um die Leute auf seine Aussage vorzubereiten“, erklärte Verteidiger Geir Lippestad vorab.

Die Überlebenden und Hinterbliebenen können sich für den auf zehn Wochen angesetzten Prozess von der Arbeit oder der Schule befreien lassen. Einige sagen als Zeugen aus. Langeröd ist die ersten zwei Wochen in Berlin, auf Abstand. Er weiß nicht, ob er sich den Prozess überhaupt antun will. Andere haben das Bedürfnis, dem Mörder im Gerichtssaal in die Augen zu sehen – wohlwissend, dass das nicht einfach wird. „Ich weiß nicht, wie ich reagieren werde. Ich glaube, man kann sich darauf nicht gefasst machen“, erklärte vorher die Abgeordnete Stine Renate Haaheim, die sich ebenfalls schwimmend hatte retten können. „Der Prozess wird sicher grauenvoll. Aber ich glaube, da müssen wir durch, wenn wir das Geschehene bewältigen wollen.“

Die 27-Jährige hat psychologische Hilfe in Anspruch genommen und fühlt sich jetzt besser, wie sie sagt. Doch der Name des Mörders bringt sie immer noch aus der Fassung, sie nennt in nur „diesen Mann“. Sie will nicht, dass er die ersehnte Aufmerksamkeit bekommt, und findet das während des ganzen Prozesses zu erwartende Medieninteresse frustrierend. Die große Frage ist, ob das Verfahren Antworten liefert: Wie konnte ein stiller Junge aus Oslo zum Massenmörder werden? Woher dieser Hass auf Muslime? Warum tötete er zahlreiche unschuldige Teenager? „Ich glaube nicht, dass es dem, was passiert ist, irgendeinen Sinn geben wird“, sagte Haaheim.

Die 19-jährige Hajin Barzingi hat Utöya überlebt und will beim Prozess ihrer Schwester zur Seite stehen, die aussagen wird. Und sie ist neugierig darauf, was Zeugen zu berichten haben, die Breivik kannten. „Teilen sie einige seiner Ansichten? Ist ihnen irgendwas besonderes an ihm aufgefallen?“

Langeröd ist Breivik zwei Mal entkommen. Erst sprang er aus dem Fenster des Cafés, als der Täter um sich schießend hereinkam. Hinter einem Felsen am Strand versteckt, sah er später, wie Breivik auf Menschen an Land und im Wasser zielte und dann auch die Waffe auf ihn richtete. „Ich hörte einen Schuss, als ich ins Wasser tauchte und schwamm, so weit ich konnte“, erinnert er sich. Er kam zum Luftholen hoch, sah Breivik wieder auf ihn zielen, tauchte wieder ab und vernahm noch einen Knall. Irgendwie kam er davon. Außer Schussweite, klammerte er sich mit anderen Überlebenden an eine Boje, bis sie ein deutscher Urlauber von seinem Boot aus dem Wasser fischte.

Die Anschläge hätten seine politische Überzeugung nur noch gestärkt, sagt Langeröd: „Auf einmal ist es wichtig geworden, für die Demokratie zu kämpfen.“ Sie haben ihn aber auch auf andere Weise verändert. Wenn er ein Gebäude betritt, sieht er sich jetzt automatisch nach dem Notausgang um. Langeröd versucht, nicht an Breivik zu denken. Aber er wünscht sich wirklich, dass der Angeklagte Zeit seines Lebens hinter Gittern bleibt: „Es wäre eine unerträgliche Belastung, ihm in 20 Jahren in der U-Bahn zu begegnen.“

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