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Der Knastalltag in fünf Minuten

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31.03.2013

"Podknast" Der Knastalltag in fünf Minuten

Häftlinge in NRW filmen kurze Geschichten über ihr Leben im Gefängnis.

Aachen – Als erstes meldet sich Knut in der Redaktionssitzung zu Wort: „Die Tage hatte ich noch eine Idee zu den Lego-Puppen“, sagt der 39-Jährige und meint das aktuelle Videoprojekt des Teams, einen Stop-Motion-Film. Sein Mitstreiter Christof hält Zettel und Kuli für Notizen bereit. Auf den ersten Blick eine normale Redaktionssitzung – wären da nicht die Gitter an den Fenstern. Denn die Teilnehmer des Projekts „Podknast“ sind Häftlinge in der Justizvollzugsanstalt Aachen.

„Den Menschen draußen die Welt hier drinnen zu zeigen“, erklärt der Pädagoge Frank Lennartz das Ziel. Er leitet das Projekt in Aachen. „Die Gefangenen werden verurteilt und weggeschlossen, aber die sind ja nicht weg“. Acht Gefängnisse in Nordrhein-Westfalen nehmen inzwischen an „Podknast“ teil und produzieren in unregelmäßigen Abständen mehrminütige Filme, die sie dann im Internet auf podknast.de präsentieren. In der JVA Aachen besteht die Redaktion derzeit aus den drei Häftlingen Knut, Christof und Heiko.

Das Thema der Podcasts ist klar vorgegeben: „Es geht immer ums Gefängnis“, sagt Lennartz. Es sei ein Mikrokosmos, eine Welt, die draußen nicht bekannt sei. „Die Themen liegen hier auf der Straße“, zitiert Lennartz einen klassische Journalistenspruch. Die Straße, das sind hier die verschlossenen Zellen und abgeriegelten Gänge. Die Filme zeigen beispielsweise den komplizierten Weg einer Waschmarke oder wie eine Haftentlassung abläuft.

Häftlinge haben mehr Freiheiten

Redakteur Heiko trägt einen Blaumann, Badelatschen und eine Trainingsjacke. Der 38-Jährige mit den dunkelblonden Haaren ist der Computerexperte der Gruppe. „Ich war im EDV-Gewerbe selbstständig tätig“, erzählt er aus der Zeit vor dem Knast. Er sitzt vor einem Laptop und zeigt einen fast fertigen Film des Teams, in dem ein Mann, der seit Jahrzehnten im Gefängnis sitzt, von seinem Leben und seinen Gedanken erzählt. Zu hören, wie so jemand sich den Alltag im Knast einrichtet, bewegt Heiko. „Ich reflektiere das schon“, erzählt er. Er wolle sich im Gefängnis nicht wohlfühlen und sehe es als notwendiges Übel. „Ich bin mehr als froh, wenn ich das Kapitel abgeschlossen habe.“ Mindestens noch bis Ende 2014 bleibt er in Aachen.

„Ich habe viele Bewerbungen“, sagt Lennartz. Etwa 730 Insassen gibt es in der JVA, bis zu sechs arbeiten im „Podknast“-Team. „Was wir brauchen sind Leute, die sich artikulieren können, die sich eingliedern“, beschreibt er die Anforderungen. Wichtig seien Neugier und die Fähigkeit, im Team arbeiten zu können. Außerdem müssen sich die Bewerber als zuverlässig erwiesen haben. „Die Gefangenen, die hier sind, können an Stellen, wo andere nicht hinkommen“, erzählt der Projektleiter.

Ahnung von Kameras, Mikrofonen und Computern brauchen die Teilnehmer nicht zu haben. „Ich habe noch nie ein Handy mit Touchscreen in der Hand gehabt“, berichtet Christof, der seit fast fünf Jahren im Gefängnis sitzt. Er mag die Arbeitsatmosphäre in der wöchentlichen Redaktionssitzung. „Hier wird sehr ernsthaft gearbeitet“, sagt er. Er sei vorher in einem Spanischkurs gewesen, „die haben nur rumgelabert“. Neben ihm steht eine Kamera auf einem Stativ – „semi-professionell“, wie Lennartz sagt. Sie ist auf eine Szene aus Lego-Steinen gerichtet, mit der sie gerade experimentieren.

Keine Außendrehs erlaubt

Mit seinen tätowierten Unterarmen und den kurz geschorenen Armen passt Christof ins Bild des harten Knackis. Das Aachener Gefängnis ist eine sogenannte Langstrafenanstalt, es gibt nur einen geschlossenen Vollzug. Einen Außendreh vor den meterhohen grauen Gefängnismauern kann hier niemand machen.

Bislang sind vier Filme der JVA Aachen online. Daneben haben sie auch noch andere Projekte, sie dokumentieren beispielsweise ein Theaterstück oder planen ein Musikvideo. „Das ist schon in klein, was die Großen auch nicht anders machen“, sagt Lennartz. Ein früherer Häftling produziere inzwischen Videos für einen Spielehersteller. Die Fähigkeiten, die sie hier lernen, können also auch die Zeit in Freiheit von Nutzen sein. „Es geht auch um Resozialisierung“, sagt der Pädagoge.

Wie das konkret aussehen kann, zeigt das Beispiel von Knut. Er ist das Urgestein im Team und selbst erklärtes „Mädchen für alles“. Der hagere Mann mit Dreitagebart war von Anfang an dabei. „Für mich war das ein Neuanfang, sich mal auf Neues einzulassen“, erzählt er von seinen Erfahrungen. „Podknast“ sei für ihn eine Art Therapie. Als er 2006 ins Gefängnis kam, war er ein Einzelgänger. Bei der Arbeit an den Filmen habe er gelernt, mit anderen Menschen umzugehen, sagt der 39-Jährige. Er weiß das Projekt zu schätzen: „Man hat eine gewisse Freiheit und Freiheit ist hier Luxus.“

Knut wird noch mindestens zwölf Jahre in Haft verbringen. Viel Zeit also, um sich mit der eigenen Situation auseinanderzusetzen. „Man macht sich schon Gedanken: Will man wirklich noch mal raus?“ Die Kontakte nach draußen habe er abgebrochen, um sie nicht mehr zu belasten. „Hier habe ich eine Existenz“, sagt er.

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