Nachrichten und Schlagzeilen aus aller Welt - Sport - newsburger.de

Löw fahndet nach der Lösung

© dapd

01.03.2012

Abwehrproblem Löw fahndet nach der Lösung

1:2 gegen Frankreich offenbarte die Defensiv-Schwäche des DFB-Teams.

Bremen – Das Motto kurz vor Mitternacht lautete: „Nichts wie weg.“ Die Nationalspieler beeilten sich, das Weserstadion hinter sich zu lassen. Im Trab ging es für die Profis des FC Bayern München zu den Fahrzeugen, die sie noch in der Nacht nach Köln ins Teamquartier für das Spiel bei Bayer Leverkusen brachten. Aber auch alle anderen hatten es eilig, dem fiesen, feuchten Dunst der Hansestadt zu entkommen. Das 1:2 (0:1) gegen Frankreich zu vergessen und die erste Niederlage nach fast einem Jahr mit zehn teilweise grandiosen Partien ganz schnell abzuhaken, passte zur fixen Massenflucht.

Eine intensivere Analyse der aufgetretenen Mängel wäre sehr frustrierend ausgefallen: Mit solchen Abwehrleistungen wie gegen die Franzosen könnte für die deutsche Nationalmannschaft, die nach dem 3:2 gegen Brasilien und dem 3:0 gegen die Niederlande zum EM-Topfavoriten aufgestiegen war, bei der Europameisterschaft ein jähes Erwachen folgen. Bundestrainer Joachim Löw redete im Pressesaal zwar Klartext zur Misere, aber dieser erreichte kaum noch die Spieler, weil sich die schon aus dem Staub machten. „Offensiv können wir auf einem Wahnsinnsniveau spielen. Defensivarbeit mit der gesamten Mannschaft ist immer ein bisschen schwieriger. Wir müssen daran arbeiten, das zu perfektionieren. Das war nicht unbedingt das Gelbe vom Ei“, sagte Löw.

Stark gequirltes Rührei war es sogar, was die Außenverteidiger Dennis Aogo und Jerome Boateng sowie die zentral mit der Abwehrarbeit beauftragten Holger Badstuber und Mats Hummels fabrizierten. Der in der zweiten Halbzeit für Badstuber eingewechselte Benedikt Höwedes untermauerte nur eine Erkenntnis: In der Nationalelf liefern diese Kandidaten nur Qualitäten geringerer Natur als in ihren Klubs. Von einer Viererkette kann keine Rede sein, es handelt sich nur um vier lose Einzelglieder. Viel zu grün waren die Abwehrspieler in ihren neuen Hemden, mit der Deutsche Fußball-Bund (DFB) eine Tradition aufgreift.

Doch eine andere Tradition wird vernachlässigt. Dass die Defensive die Basis für erfolgreiche Mannschaften bildet, mündete selbst für fußballerisch deutlich schwächere DFB-Teams in der Vergangenheit in Turniererfolge bis hin zu Titeln. Aber bei Löw ist der Abwehrverbund eine Problemzone, deren Anfälligkeit im vorigen Jahr durch die Offensiv-Power zuweilen verdeckt wurde. Selbst wenn der verletzt fehlende Philipp Lahm dabei gewesen wäre, wäre nur eine Position überdurchschnittlich besetzt worden. „Wir haben als Mannschaft in der Defensive nicht mit der größten Konsequenz und Intensität nach hinten gearbeitet. Zwischen dem ersten und letzten Mann lagen 60 Meter“, rügte Löw das komplette Team, weil es etwas lauffaul die Kompaktheit vermissen ließ.

Der Bundestrainer hofft für die EM auf die Rückkehr von Lahm und Per Mertesacker. Ob der Arsenal-Verteidiger, dessen Klasse ohnehin vor jedem Turnier infrage gestellt wird, noch einmal als strategisch umsichtiger Ruhepol wiederkommt, ist wegen seiner Verletzung allerdings fraglich.

Am Tag nach dem Schuss vor den Bug, genau 100 Tage vor dem Anstoß des ersten EM-Spiels gegen Portugal in Lemberg, waren die Spieler wieder bei ihren Vereinen angekommen. Da nun bis tief in den Mai hinein nur die Klubs ihr Dasein bestimmen, wird über die Misere der Mantel des Schweigens gedeckt. Seinen nächsten großen Termin hat Löw erst, wenn er die 23 Auserwählten für den deutschen EM-Kader präsentiert.

Beim letzten Casting fiel Aogo durch. „Er war engagiert, beim ersten Gegentor vielleicht ein bisschen unglücklich. Er hat viel Potenzial, kann aber mehr leisten“, sagte Löw. Als Lahm-Stellvertreter hat er anstelle des Hamburgers auch Marcel Schmelzer im Auge, doch der Dortmunder weist ebenfalls selten internationale Klasse nach. Mit Aogos schauerlicher Vorstellung könnten die Chancen seines HSV-Mitspielers Marcel Jansen für ein Comeback gestiegen sein. Neben Aogo bekamen auch andere wie Marco Reus ihre Begrenztheit von Löw nonchalant mitgeteilt. Mit ihren Klubs kickten sie ja nur in der Bundesliga. „Es ist wichtig und gut, wenn sie mal sehen, was geleistet werden muss auf dem Niveau der Nationalmannschaft.“

Wenn die verletzten Stammspieler wieder dabei sind, wird sich die Lage bessern. Aber bei einem Weltklasse-Team muss der zweite Anzug einfach besser sitzen, wobei die Franzosen – wie ihr Trainer Laurent Blanc meinte – eine ihrer besten Leistungen der vergangenen Jahre zeigten. Löw bleibt einfach unerschütterlich optimistisch. Vor der Partie sagte er, dass das Resultat für ein erfolgreiches EM-Abschneiden keine Rolle spiele. Danach verwies der 52-Jährige darauf, dass die Mannschaft auch vor dem starken WM-Auftritt 2010 das Jahr mit dem 0:1 gegen Argentinien in München begonnen habe.

„Der Plan und die Inhalte für die EM-Vorbereitung und das Turnier stehen. Das hängt nicht mit diesem einen Spiel zusammen“, betonte er. „Ich bin überzeugt: Wenn es um etwas geht, ist unsere Mannschaft imstande, sehr gut Fußball zu spielen.“ Dass die Euphorie und die Erwartungen gedämpft wurden, berührt ihn nicht. „Ganz ehrlich interessiert mich das kaum noch“, sagte Löw. „Was im März passiert, ist für den Trainer nicht so ausschlaggebend.“

Weitere interessante Artikel

Unterstützen durch teilen: Sie können unsere Arbeit ganz einfach unterstützen indem Sie diesen Artikel auf einer der folgenden Social Media Plattformen teilen. Jeder geteilte Artikel hilft uns. Dankeschön!
Google+

© dapd / newsburger.de

URL zum Artikel: newsburger.de/loew-fahndet-nach-der-loesung-43278.html

Weitere Nachrichten

Olympia IOK Lausanne

© FreeMO / gemeinfrei

DOSB Medaillenkandidaten sollen schon in Grundschulen gesucht werden

Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) soll künftig schon in Grundschulen nach Talenten suchen. Im Entwurf des sogenannten "Eckpunktepapiers zur ...

Weserstadion Bremen

© Daniel FR / gemeinfrei

1. Bundesliga Werder Bremen beurlaubt Trainer Viktor Skripnik

Der SV Werder Bremen hat Cheftrainer Viktor Skripnik und die beiden Co-Trainer Florian Kohfeldt und Torsten Frings mit sofortiger Wirkung beurlaubt. Das ...

DFB-Zentrale Fussball

© Chivista / gemeinfrei

Grindel DFB fällt es schwer Ehrenamtler zu finden

Reinhard Grindel, Präsident des Deutschen Fußball Bundes (DFB) hat bekräftigt, sich weiter um Transparenz bei der Aufklärung der noch offenen Fragen rund ...

Weitere Schlagzeilen