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Beltracchis Frau spielte eigene Oma

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27.01.2012

Kunstfälscher-Skandal Beltracchis Frau spielte eigene Oma

Mehr als 35 Millionen Euro Schaden – Weitere Fälschungen auf dem Markt.

Berlin – Kriminalhauptkommissar Ren Allonge ist nicht leicht aus der Ruhe zu bringen, aber heute ist er aufgeregt. Allonge leitet die Abteilung Kunstdelikte beim Berliner Landeskriminalamt und steht am Freitagvormittag im Gemälde behangenen Gobelinsaal des Bode-Museums. Vom Rednerpult blickt er in die mit gespannter Erwartung gefüllten Gesichter von Kunstexperten und Journalisten. Erstmals will er der Öffentlichkeit erzählen, wie er und sein Team den spektakulärsten Kunstfälscher-Skandal der deutschen Nachkriegsgeschichte aufdeckten.

Mitte der 90er-Jahre hatten die angeblichen Meisterwerke von 1906 bis 1926 der fiktiven “Sammlung Werner Jägers’” und “Sammlung Wilhelm Knops” für Aufregung auf dem internationalen Kunstmarkt gesorgt. Tatsächlich aber hat der Kunstfälscher Wolfgang Beltracchi die Gemälde im Stile von Max Ernst, Heinrich Campendonk, Max Pechstein, Kees van Dongen und Fernand Lger selbst gemalt und für Millionen als Kopien oder deren vermeintlich unbekannte Werke verkauft. Erst 2006 flogen er und seine Frau Helene auf.

Damals ersteigerte eine Firma auf Malta beim Kölner Kunsthaus Lempertz das “Rote Bild mit Pferden”, angeblich von Heinrich Campendonk, für eine Rekordsumme von 2,8 Millionen Euro. Die Malteser entdeckten aber, dass sie eine Fälschung gekauft hatten und klagten. Im Oktober vergangenen Jahres wurde das Ehepaar in Köln mit zwei Komplizen wegen gewerbsmäßigen Bandenbetrugs zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt.

“Aber wir haben das Ausmaß des Falls anfangs unterschätzt, wir konnten uns das nicht vorstellen”, räumt Kriminalhauptkommissar Allonge an diesem Freitagvormittag ein. Mittlerweile wisse er sicher von 53 gefälschten Gemälden mit einem Verkaufswert von über 35 Millionen Euro. Aber auch mehr als 20 bisher nicht zugeordnete Fälschungen, die in den 90er Jahren aufgetaucht waren, schreiben die Beamten nun Beltracchi zu. “Und wahrscheinlich gib es noch mehr, vielleicht sogar an die hundert”, sagt er. Im Internet gibt es eine Datenbank, auf der die Fälschungen gesammelt werden.

Erstmals gibt Allonge Details preis, wie die Ermittler den Fälschern auf die Spur kamen. “Über Farbpigmente und Holzrahmen”, sagt er dem staunenden Publikum. Die Fälscher benutzten Klebstoff, den es noch nicht gab, als die Leinwände angeblich auf die Rahmen gespannt wurden. Zudem untersuchten Forscher des Deutschen Archäologischen Instituts einige Holzrahmen. Ihr Urteil: Die Bäume waren zwar alt genug, wuchsen aber in derselben Gegend. “Damit hätten der Franzose Lger und der Deutsche Pechstein bei demselben Händler gekauft, das ist so gut wie ausgeschlossen”, sagt Allonge. Im Labor fand man zudem Titanweiß, das damals noch nicht zum Malen verwendet wurde.

Dabei hatten die Beltracchis zu allen Tricks gegriffen, um Sammler und Kuratoren von der angeblichen Echtheit der Gemälde zu überzeugen. So verkleidete sich Helene als ihre eigene Großmutter, um sich im historischen Kostüm vor den Fälschungen fotografieren zu lassen. Die auf alt getrimmten Fotos wurden dann präsentiert, um die Echtheit der Gemälde zu beweisen. “Dumm nur, dass auf dem Tisch im Hintergrund eine Statue stand, die sie nachweislich erst 2003 erstanden hatte”, sagt Allonge.

“Wir müssen Lehren aus der Sache ziehen”, sagt der Kunstsachverständige Frithjof Hampel selbstkritisch nach dem Vortrag des Hauptkommissars und fordert, “die innere Logik eines Werks zu hinterfragen und öfters den Kontakt zu den Laboren zu suchen”. Auch der Kriminalbeamte hält mehr Laboruntersuchungen für sinnvoll. “Allerdings sind die mit bis zu 3.000 Euro recht teuer und es gibt nicht viele Labore. Es wird Engpässe geben”, prophezeit Allonge.

Die Beltracchis und ihre Komplizen erschwindelten sich mit gefälschten Gemälden Millionen. Das Ehepaar besaß ein luxuriöses Anwesen in Freiburg, einen Landsitz in Südfrankreich und eine Wohnung in Andorra. Er hoffe, dass die internationale Zusammenarbeit der Behörden künftig etwas besser klappt, sagt Allonge. “Die Franzosen wollten ihre Gerichtsferien nicht für eine Hausdurchsuchung unterbrechen, sonst hätten wir dort schon früher zugegriffen.” Und die Notwendigkeit für internationale Kooperation werde es in dem Fall weiter geben, sagt Allonge und fügt hinzu: “Es sind mit Sicherheit noch weitere Fälschungen auf dem Markt”.

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