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Kriminologe fordert bessere Vorbereitung auf Entlassung

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19.01.2012

Studie Kriminologe fordert bessere Vorbereitung auf Entlassung

Dritter Teil von Berliner Intensivtäter-Studie vorgelegt.

Berlin – Jugendliche Intensivtäter in Berlin sollten während der Haft besser auf ihre Zeit während und nach der Freilassung vorbereitet werden. Zu diesem Ergebnis kommt der dritte Teil einer Langzeitstudie über diese Tätergruppe, der am Donnerstag im Roten Rathaus präsentiert wurde. Vor allem sogenannte Schutzfaktoren für den Alltag, wie die Stärkung des Selbstbildes und der Selbstreflektion der Jugendlichen, Bildungsabschlüsse und eine mit Vollzugslockerungen gestaltete Übergangszeit seien wichtig, hieß es.

Als jugendliche Intensivtäter werden bei Staatsanwaltschaft und Polizei Kriminelle geführt, die im Jahr mindestens zehn gravierende Delikte begehen.

Verfasser der Studie ist Kriminologe Claudius Ohder von der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin. Auftraggeber war die Landeskommission Berlin gegen Gewalt. Für den dritten Teil wurden 2009 und 2010 die Akten von 30 Intensivtätern ausgewertet. Parallel erfolgten elf Interviews mit inhaftierten jugendlichen Intensivtätern. Die Befragten mussten Haftstrafen zwischen zwölf und 48 Monaten verbüßen. Die durchschnittliche Haftzeit betrug 22 Monate.

Insgesamt wurden den Angaben zufolge 2010 etwa 550 Kinder, Jugendliche, Heranwachsende und junge Erwachsene als sogenannte Intensivtäter geführt. Knapp 45 Prozent der Registrierten befanden sich 2011 in Untersuchungs- oder Strafhaft, führt die Studie einleitend aus.

Eine Erkenntnis aus dem aktuellen Teil der Studie lautet Ohder zufolge, dass für die Erarbeitung eines Vollzugsplans als Grundlage der Arbeit mit den Jugendlichen die gründliche Erfassung der Lebensumstände wichtig ist. Noch zu oft fehle es in diesem Zusammenhang derzeit an Rücksprachen der Haft-Betreuer mit Eltern, Erziehern oder Lehrern. Bestimmte positiv gemeinte schulische Maßnahmen im Strafvollzug seien zwecklos, wenn es nicht vorgelagerte Angebote gebe. Schließlich hätten die Jugendlichen vielfach nur einen schlechten Bildungsstand.

“Vor allem die Familien werden noch zu wenig in die Haftgestaltung einbezogen”, sagte der Wissenschaftler. Nicht selten kämen die Täter in problembeladene Familien zurück. Auch Sport- oder Kulturvereine dürften als “Anker” während der Haftzeit nicht fehlen. Ebenfalls nicht unterschätzt werden sollten Drogenprobleme der Delinquenten. Diese seien in der Haft nicht lösbar.

Ohder sprach sich für Vollzugslockerungen in der Zeit vor der Entlassung aus. Dieser Übergang sei eine “sensible Zeit”. Die Inhaftierten hätten in der Haft unweigerlich einen Reifungsprozess durchgemacht. Aus Jugendlichen würden Erwachsene. Für zwei Drittel der in der Studie Erfassten sei unklar gewesen, wo sie am Tag der Entlassung hingingen. Einige kämen zudem zurück in eine Welt, in der sie Schulden hätten.

Auch sonst konstatiert die Studie eine schlechte Bilanz der 30 beobachteten Fälle: Nur drei Personen hätten etwas aus dem Strafvollzug mitgenommen, was ihnen in der Freiheit hilft. Gründe für die schlechte Bilanz seien die vergleichsweise geringe Zeit, zuweilen ein unsicherer ausländerrechtlicher Status und die “Mitgliedschaft” in einer der Subkulturen der Haftanstalten, die als Rückzugsgebiet dienten.

Gleichwohl könne es Erfolg geben, sagte der Kriminologe. Neun der Gefangenen hätten den angebotenen Maßnahmen positiv gegenüber gestanden. Immerhin könnten damit auch Probleme im psychosozialen Bereich aufgearbeitet werden, die in der Regel bis in die frühe Kindheit zurückreichen. “Die intensive Begehung von Straftaten kommt nicht von ungefähr, sie kündigen sich früh an”, sagte Ohder. Viele Aktionen seien zumeist im “Drogennebel” begangen worden. Käme ein Jugendlicher also gestärkt aus der Haft, stünden seine Chancen für die Zukunft besser.

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