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"Das Leben gehört uns" Kriegserklärung an den Tod

Im französischen Eltern-Kind-Drama „Das Leben gehört uns“ spielen Darsteller ihre eigene Geschichte.

Berlin – Es ist Liebe auf den ersten Blick, als sich Roméo und Juliette in einer Disco begegnen. Selig knutschend spaziert das Pärchen durch Paris, bald wird ihnen ein Sohn geboren. Doch nach einigen Monaten merken die beiden, dass mit Adam etwas nicht stimmt. Tatsächlich wird bei dem 18-monatigen Kind ein Hirntumor diagnostiziert. Im von Frankreich für einen Oscar eingereichten Drama „Das Leben gehört uns“ erzählt Regisseurin und Hauptdarstellerin Valérie Donzelli ihre eigene Geschichte. Ihr Ex-Lebenspartner Jérémie Elkaim verkörpert Roméo.

Die Handlung basiert auf Donzellis Tagebuch, das sie während der Krankheit ihres Sohnes schrieb. Zum Hauptdrehort wird jenes Krankenhaus, in dem die Eltern jahrelang täglich ein- und ausgingen, um dem Kleinen beizustehen. Unauffällig vermittelt die Inszenierung dabei die Segnungen, aber auch die Bürokratie des französischen Krippen- und Gesundheitssystems. Doch das halbdokumentarische Drama räumt den Gefühlen den Vorrang vor den Fakten ein. Die Eckpunkte der Geschichte werden lediglich per Voice-Over angedeutet und das Verstreichen der Zeit mittels Montage verdichtet.

Halbdokumentarisches Drama im echten Krankenhaus

So können sich die Protagonisten auf die minutiös geschilderten emotionalen Schlüsselmomente konzentrieren, in denen sie sich der Tragweite der Diagnose bewusst werden und sich gegenseitig stützen. Anfangs erleben wir zwei Bohémiens, die alles entspannt auf sich zukommen lassen, obwohl ihr Alltag mit der Geburt ihres Kindes stressiger wird. Erste Befürchtungen kommen auf, dann wird eine Asymmetrie im Gesicht des Babys festgestellt. Es folgen panische Zugfahrten zum Spezialisten nach Marseille, die Hiobsbotschaft, die auch bei den Schwiegerfamilien tiefste Bestürzung auslöst, und das bange Warten während der neunstündigen Operation.

Nachdem der Tumor teilweise entfernt wurde, geht der Kampf um Adams Leben erst richtig los. Die Ärzte geben dem Kind nur fünf Jahre Überlebenszeit, weitere Operationen folgen. Die Tumordiagnose findet zur selben Zeit wie der Kriegsausbruch im Irak 2003 statt. Daher stammt auch der französische Filmtitel „La guerre est déclarée“ – ein Satz, den das Paar im Radio hört und der sinnbildlich für ihre Kriegserklärung gegen den Tod steht. Ab da verkauft das Paar seine Wohnung, zieht in die Nähe des Krankenhauses und richtet sein Dasein auf das Kind aus.

Lebenskünstler, die sich der Verzweiflung verweigern

Obwohl der Filmbeginn den Ausgang andeutet, bleibt diese emotionale Achterbahnfahrt bis zum Schluss spannend. Denn die Eltern wollen sich nicht von Ängsten und Verzweiflung unterkriegen lassen, sie feiern Partys, trinken Champagner – und stehen am nächsten Morgen mit Kittel und Haube an Adams Krankenbett. Donzelli ist eine jener zugleich unperfekten und raumgreifend aparten Schauspielerinnen, auf die die französische Filmindustrie ein Monopol zu haben scheint: eine Alltagsheldin, der man ebenso gerne beim Meckern und Durchdrehen wie beim Küssen und Lächeln zuschaut.

Statt auf Pathos und Larmoyanz setzt ihre unprätentiöse Inszenierung auf Musik, um Kummer, Glück und trotzige Selbstbehauptung zu versinnbildlichen. Die Palette reicht von kleinen Chansons über anspruchsvollen Pop von Laurie Anderson bis zu Vivaldi-Klassik. Das erinnert nicht nur an Musicalfilme wie Jacques Demys „Die Regenschirme von Cherbourg“ und an den verspielten Stil der „Nouvelle Vague“ der Sechziger, sondern treibt ihrer Überlebensgeschichte die Schwermut aus und macht sie zu einer Hymne auf das Leben. Beim Verlassen des Kinos hat man das Gefühl, Berge versetzen zu können.

(„Das Leben gehört uns“, Frankreich 2011, 100 Minuten, FSK: 6, Verleih: Prokino, Regie: Valérie Donzelli, Darsteller: Valérie Donzelli, Jérémie Elkaim, César Desseix, Gabriel Elkaim u.a.)

Kinostart: 26. April 2012

22.04.2012 © dapd / newsburger.de

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