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„Kann keiner Fliege was zuleide tun

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19.03.2012

Mutmaßliches Al-Kaida-Mitglied „Kann keiner Fliege was zuleide tun“

Der Deutsch-Afghane Ahmad S. ließ sich laut Anklage für den bewaffneten Dschihad ausbilden.

Koblenz – Im Verhandlungssaal des Koblenzer Oberlandesgerichtes sind Schüsse zu hören. Zu sehen sind bis an die Zähne bewaffnete islamistische Kämpfer. Ein Mann feuert eine Panzerfaust ab, ein anderer schießt in Richtung eines Hubschraubers. Jeden Schuss kommentiert einer der Gotteskrieger mit einem lauten „Allahu Akbar“.

Einer der Männer aus dem Propagandavideo, das Kampfszenen aus Pakistan zeigt – tatsächliche oder inszenierte -, ist Ahmad S.. Er ist 37 Jahre alt und trägt an diesem Montagmorgen keine Kampfmontur, sondern ein hellblaues Hemd und ein dunkelblaues Jackett. „Das da, das bin ich“, sagt er an einer Stelle des Videos.

Auf dem Bildschirm ist ein Mann mit einer Waffe zu sehen. Das Gesicht ist unkenntlich gemacht. Ahmad S. gibt trotzdem zu, dass er es ist. Alles andere hätte angesichts der Beweislage wohl keinen Sinn. In polizeilichen Vernehmungen hat er bereits umfassend ausgesagt. Auch vor Gericht – das macht sein Verteidiger, Michael Rosenthal, in einer Pause dieses ersten Verhandlungstages deutlich – wird er die Vorwürfe der Bundesanwaltschaft weitgehend einräumen.

Demnach war der Deutsch-Afghane im März 2009 aus Hamburg ausgereist, um sich in Terrorcamps für den bewaffneten Dschihad ausbilden zu lassen. In Waziristan, einer Region in Pakistan an der Grenze zu Afghanistan, schloss er sich laut Anklage der Islamischen Bewegung Usbekistan und später Al Kaida an.

Vom „Außenminister“ Al Kaidas sollen er und weitere Islamisten, mit denen er in den Dschihad zog, den Auftrag erhalten haben, sich in Europa für Aufträge bereit zu halten. „Es liegt nahe, dass es sich dabei um Terroranschläge handeln sollte“, sagt der Vertreter der Bundesanwaltschaft, Ullrich Schultheis, in einer Verhandlungspause. Der Verteidiger von Ahmad S., Michael Rosenthal, hält dagegen: „Ob er wirklich einen solchen Auftrag bekommen hat, ist eine der Fragen, die es aufzuklären gilt.“ Anders als in der Anklage formuliert, habe sein Mandant auch nicht tatsächlich gekämpft. Ahmad S. selbst sagt am Rande der Verhandlung: „Ich kann keiner Fliege etwas zuleide tun.“

Während die Richterinnen des 1. Strafsenats ihn zu seinen Verhältnissen und zu seinem Weg in den Dschihad befragen, lächelt Ahmad S. viel. Er gibt bereitwillig Auskunft. Geboren in Kabul, sei die Familie vor den damaligen Kriegswirren im Jahr 1990 nach Hamburg geflohen. Es habe Probleme mit dem Visum gegeben, so dass er nach dem Realschulabschluss den Besuch des Gymnasiums abbrechen musste. Bei der Stellensuche hätten die Betriebe weniger auf seine Schulnoten, sondern auf seinen ausländischen Pass geschaut, erzählt Ahmad S.. Versuche, sich mit einer Bäckerei und mit einem Reisebüro selbstständig zu machen, seien schief gelaufen. Sorgen habe er mit seinem psychisch schwer erkrankten älteren Bruder gehabt.

Bevor er nach Deutschland zurückkehren wollte – mutmaßlich im Auftrag von Al Kaida – griffen ihn im Juli 2010 in Kabul US-Soldaten auf. Er saß zehn Monate in US-Gewahrsam und anschließend in Deutschland in Untersuchungshaft. „Ich bin froh, dass es jetzt endlich losgeht“, sagt er in einer Pause.

Etwas einsilbig wird er, als er um seine Rollen als „Amir“, als Anführer also, der Gruppe von Hamburger Islamisten geht, die mit ihm nach Waziristan zogen. Nicht er, sondern der im vergangenen Jahr verurteilte Rami M. sei die treibende Kraft gewesen. Er selbst habe eingewilligt, in den Dschihad zu ziehen, weil „ich etwas machen wollte, damit Gott stolz auf mich ist“.

Die Bundesanwaltschaft – davon ist auszugehen – dürfte die genaueren Umstände seiner Radikalisierung und seiner Rolle in der Hamburger „Reisegruppe“ in den nächsten Verhandlungstagen hinterfragen. Ahmad S. selbst erweckt den Eindruck, als wäre er in den Dschihad irgendwie reingeschlitttert.

Die Naivität, die er vermittelt, passt allerdings nicht zu den Aussagen, mit denen er in seiner Zeit in Waziristan nicht nur seine Familie beglückte, sondern auch deutsche Sicherheitsbehörden, die die Gespräche aufzeichneten. Laut Anklage erzählte er im Dezember 2009 seiner Mutter, er werde auf die „Ärsche“ der Amerikaner schießen. Im Januar 2010 forderte er seinen Vater auf, mit ihm im Dschihad als Märtyrer zu sterben.

Die Frage, welche Rolle Ahmad S. tatsächlich spielte, dürfte auch Thomas de Maizière interessieren. Denn die Aussagen, die er in US- Gefangenschaft machte, waren einer der Gründe, die den damaligen Innenminister zu der wohl eindringlichsten Terrorwarnung in der Geschichte der Bundesrepublik seit der Hochphase der RAF veranlasste. S. berichtete seinerzeit von Plänen des „Außemministers“ der Al Kaida, Mohamad Younis, den Staaten Westeuropas schweren Schaden hinzuzufügen. Mittlerweile wurde der Terror-Funktionär festgenommen.

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