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Ombudsstellen zur Missbrauch-Prävention an Schulen

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24.01.2012

Missbrauch Ombudsstellen zur Missbrauch-Prävention an Schulen

Kirche kann zum Vorbild für die Gesellschaft werden.

Sankt Blasien – Vor zwei Jahren hat der Jesuitenpater Klaus Mertes ein Erdbeben in der katholischen Kirche ausgelöst. Am 28. Januar 2010 machte er den Missbrauch von Schülern durch Geistliche im Berliner Canisius-Kolleg des Ordens öffentlich. Seitdem scheint das Thema unauflöslich mit Mertes verbunden, der heute das Jesuiten-Kolleg in Sankt Blasien im Schwarzwald leitet, verbunden. Im Gespräch mit dapd plädiert er für Ombudsstellen zur Missbrauch-Prävention an Schulen.

Der Schritt in die Medien hat ihm auch manche Feinde eingebracht. “Für mich persönlich war es ein Einschnitt, aber es hat sich gelohnt”, sagt er. “Seitdem hat sich unglaublich viel verändert.” In der Pädagogik, der Kirche und der Gesellschaft sei ein Thema ansprechbar geworden, das vorher tabuisiert war. “Gewalt und Sexualität konnten so vorher weder in der Kirche noch in der Gesellschaft diskutiert werden, weder von den Opfern noch von den zuständigen Institutionen”. Neu sei dabei insbesondere der Aspekt der Gewalt gegen Jungen und das Umfeld der Schule gewesen.

“Die Kirche hat ein Problem der Sprachlosigkeit in Bezug auf Sexualität und Homosexualität”, analysiert der Pater. Zum Beispiel in der Ich-Form in der Kirche über die eigene Homosexualität zu sprechen sei äußerst schwierig, denn ein Kleriker gehe damit eine disziplinarische Gefährdung ein. Es liege etwas Diskriminierendes darin, die Veranlagung zur Homosexualität für Sünde zu halten. “Es muss für den Klerus möglich werden, ohne Gefährdung der eigenen Person über die eigene Sexualität zu sprechen. “Das ist meines Erachtens eine der wichtigen präventiven Maßnahmen”, betont Mertes.

Das Missbrauchsproblem bestehe nicht nur darin, dass ein Täter ein Opfer missbrauche; sondern das tiefere Problem sei, dass das Opfer sich später bei den Eltern oder dem Schulleiter melde und niemand zuhöre. “Die Frage, die mich quält ist: ‘Woher kommt das Nichtanhören von Opfern?’”, betont Mertes. Die Institution Kirche habe jetzt die Chance auf die Opfer zu hören, um etwas über sich zu lernen.

In den vergangenen zwei Jahren habe sich in der Kirche viel getan: “Da ist eine ganz tiefe Erschütterung und Bewegung drin”, sagt Mertes. Er habe eine riesige Unterstützung erfahren, die vielleicht in der Hierarchie etwas geringer sei. “Es gibt natürlich Leute, die wütend auf mich sind. Aber von der breiten Basis der Kirche habe ich zu 98 Prozent Rückenwind bekommen.” Es gebe aber auch lautstarke Kräfte, die sich als Blockierer entlarvten. Anonyme Beschimpfungen im Internet und Denunziationen seien ein grundsätzliches Problem innerhalb der katholischen Kirche. Dabei gehe es auch um Angst vor Machtverlust: “Die Opfer haben durch ihr Sprechen die Kraft, Themen zu setzen.”

Das Thema sexualisierte Gewalt gehöre an den Schulen in ein Gesamtkonzept von Gewaltprävention und sozialen Lernens, sagt Schulleiter Mertes. Verhaltensweisen könnten trainiert werden. So gebe es in Sankt Blasien ein “Coolness-Training” als Angebot für 7. und 8. Klassen, in dem die Schüler sich per Rollenspiel mit Gewalt auseinandersetzen. Auf Besinnungstagen lernten Fünftklässler, Grenzen zu ziehen, lernten, dass sie das Recht hätten “Nein” zu sagen, wenn ihnen Erwachsene, seien es Onkel, Tante oder Lehrer, zu nahe kämen. Die Stärkung des Ichs und damit der Rechte des Kindes sei ganz wesentlich.

Er bekomme zahlreiche Anrufe staatlicher Stellen, von Jugendämtern, Lehrern oder Organisationen, die ihn um Rat fragten. Grundsätzlich plädiert Mertes für eine staatlich finanzierte unabhängige Ombudsstelle für jede Schule, an die sich Opfer wenden können. Sie löse das Ohnmachtsgefühl gegenüber der Institution. “Im geschlossenen System funktionieren Aufklärung und Prävention letztlich nicht.” Die Jesuitenschulen hätten damit seit 2002 gute Erfahrungen gemacht.

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