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Japanische Journalisten drehen in Stuttgart

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05.03.2012

Nach Fukushima Japanische Journalisten drehen in Stuttgart

Der Fernsehsender NHK reiste zur Amtseinführung Kretschmanns.

Stuttgart/Berlin – Das Musterländle Baden-Württemberg spielt im japanischen Fernsehen in der Regel keine große Rolle. Doch nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima im März 2011 änderte sich das. 16 Tage nach dem verheerenden Tsunami und dem Super-GAU im Atomkraftwerk Fukushima errangen Grüne und SPD die Mehrheit im Landtag. Die Atomkatastrophe hatte maßgeblichen Anteil an dieser politischen Umwälzung.

Der japanische Sender NHK schickte deshalb im letzten Mai drei Journalisten zur Vereidigung des ersten Grünen-Ministerpräsidenten, Winfried Kretschmann, nach Stuttgart.

Die Redaktion hat nach Aussage der Journalisten aufgeschlossen auf den Themenvorschlag reagiert. „Wir haben die besondere Situation geschildert und sind auf Interesse gestoßen, da sich Japan nach Fukushima natürlich sehr dafür interessierte und bis heute interessiert, welche Konsequenzen das weltweit hatte“, sagt der NHK-Chefkorrespondent in Berlin, Akihiko Otaki.

Seit der Reaktorkatastrophe stünden die Themen Nuklear- und Energiepolitik sowie erneuerbare Energien bei den Zuschauern „hoch im Kurs“. „Unser Publikum ist an allem interessiert, von der Anti-Atom-Bewegung bis hin zu Lösungswegen zur Versorgungssicherheit“, sagt Otaki. Kameramann Tetsuya Baba berichtet, die Anti-Atom-Bewegung in Japan sei „sehr klein und sehr aktiv“, könne aber nicht mit den Grünen in Deutschland verglichen werden. Vor Fukushima sei die Bewegung in der Gesellschaft kaum wahrnehmbar gewesen, inzwischen habe sich das geändert.

Der öffentlich-rechtliche Sender NHK hat ein Büro in Berlin. Dort sind vier Mitarbeiter beschäftigt, die über Themen in Deutschland, Polen, Tschechien und den baltischen Staaten berichten. Während drei Mitarbeiter fest in Deutschland sind, ist der derzeitige Büroleiter Otaki für drei Jahre als Korrespondent in Berlin.

NHK-Producer Ivo Tuchel bezeichnet es als „außergewöhnlich“, dass eine Landtagswahl thematisiert wurde. „Über Landtagswahlen wird üblicherweise nicht in Japan berichtet.“ Das NHK-Team filmte sowohl bei der Vereidigung Kretschmanns am 12. Mai 2011 als auch bei einem Bürgergespräch in Konstanz und dem Parteitag der Grünen in Stuttgart.

Das Material ist letztendlich in eine Reportage über die nach Fukushima eingeleitete Energiewende in Deutschland eingeflossen, die in der Morgensendung „Oyahou Nippon“ ausgestrahlt wurde. Darin wird die Diskussion über die Zukunft der Atomkraftwerke nach dem Atomunglück thematisiert, das verhängte Moratorium und auch die politischen Auswirkungen in Baden-Württemberg. Eine Einzelmeldung in den Nachrichten über die Vereidigung des ersten Ministerpräsidenten der Grünen gab es laut Otaki aber nicht.

In Konstanz hatten die NHK-Journalisten auch die Gelegenheit, Kretschmann zu interviewen. „Mein Eindruck ist, dass es sich um einen sehr ernsthaften Politiker handelt, der wenig mit der Sturm-und-Drang-Zeit der Grünen in den 1980er Jahren gemein hat“, beschreibt Tuchel den Regierungschef. Kretschmann vereine konservative Werte mit grünen Ideen und habe mit seiner Ernsthaftigkeit eine Menge neuer Wähler überzeugt. „Er ist ein Typus des Grünen-Politikers, der in Baden-Württemberg eine Chance hatte und sie genutzt hat.“

Tuchel ist überzeugt, dass die Reaktorkatastrophe von Fukushima maßgeblichen Anteil daran hatte, dass der Ministerpräsident letztendlich Kretschmann und nicht Nils Schmid (SPD) hieß. „Sicher hat die nukleare Katastrophe in Japan ihm die letzten Stimmen beschert, um aus Rot-Grün Grün-Rot zu machen.“ Doch auch das „hoch emotionale Thema“ „Stuttgart 21“ habe den Grünen zusätzliche Wählerstimmen eingebracht.

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