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Interview: Für EZB-Präsident Jean-Claude Trichet ist Geld wie ein Gedicht

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30.10.2011

Trichet Interview: Für EZB-Präsident Jean-Claude Trichet ist Geld wie ein Gedicht

Berlin – Für den Präsidenten der Europäischen Zentralbank (EZB), Jean-Claude Trichet ist Geld wie ein Gedicht. In einem Interview mit „Bild am Sonntag“ sagte Trichet unmittelbar vor dem Ende seiner achtjährigen Amtszeit: „Ich vergleiche Geld gerne mit einem Gedicht. Denn auch ein Gedicht bewahrt stets seine Struktur, so wie eine Goldmünze ihre Prägung behält. Beides sollte und kann nicht geändert werden, wenn es einmal geschrieben beziehungsweise geprägt wurde.“

Trichet wiedersprach der Volksweisheit „Geld regiert die Welt“: „Also dieser Aussage kann ich überhaupt nicht zustimmen! Ideen sind es, die die Welt regieren – hoffentlich. Geld ist ein Mittel, aber kein Zweck, ein Instrument, aber kein ultimatives Ziel an sich, kein Selbstzweck: un moyen, pas une fin.“ Persönlich sei ihm Geld nicht besonders wichtig: „Reichtum fasziniert mich persönlich nicht.“

Der EZB-Chef hob die herausragende Bedeutung des Geldes für die menschliche Zivilisation hervor: „Geld hat drei wesentliche Funktionen: Es dient als Wertaufbewahrungs- und Tauschmittel und als Recheneinheit. Es gehört untrennbar zur Zivilisation, weil es Arbeitsteilung ermöglicht. Nur deshalb gibt es überhaupt Städte.“

10 Jahre Preisstabilität in Euro-Zone

„In den kommenden zehn Jahren wird die Inflationsrate aller Voraussicht nach sehr niedrig sein; aktuellen Erwartungen zufolge wird sie bei rund 1,8 Prozent liegen. Das bedeutet: In der Euro-Zone herrscht Preisstabilität. Darauf sind wir mit Recht stolz, denn wir haben erreicht, was von uns erwartet wurde: Wir haben Preisstabilität gewährleistet und dafür gesorgt, dass der Euro eine glaubwürdige Währung ist, der Vertrauen entgegengebracht wird.“

Anders sehe es allerdings mit der Finanzstabilität in der Euro-Zone aus: „In Europa haben die Regierungen schwere Fehler gemacht, indem sie zum Beispiel den Stabilitäts- und Wachstumspakt nicht eingehalten haben. Sie haben dies getan, obwohl die EZB sie mit Nachdruck zur Einhaltung der Kriterien ermahnt hat.“

Wertewandel in Wirtschaft und Disziplinierung der Märkte

„Wir sollten uns sehr bewusst sein, dass einige Verhaltensweisen auf den Märkten zu erheblichen Irritationen geführt haben. Dazu gehört die Höhe gewisser Bonuszahlungen. Das hat die öffentliche Meinung auf beiden Seiten des Atlantiks geschockt. Deshalb brauchen wir einen Wechsel der Werte und des Verhaltens in diesem Bereich.“ Trichet weiter: „Wir leben alle in Demokratien, und deshalb ist es sehr wichtig, dass es eine gesellschaftliche Akzeptanz für die Werte und Verhaltensweisen in der Wirtschaft gibt.“

Trichet forderte die Banken auf, Extrazahlungen an Spitzenmanager auf den Prüfstand zu stellen: „Die Banken müssen ihre Widerstandsfähigkeit erhöhen und Verhaltensweisen vermeiden, die mit den Werten unserer Gesellschaft nicht vereinbar sind. Dazu zählen exzessive Bonuszahlungen.“ Der EZB-Chef hob die Rolle der Notenbanker bei der Disziplinierung der Märkte hervor: „Brechen die Märkte aus, egal ob nach oben oder unten, so ist es an uns, wieder für Disziplin zu sorgen. Weisheit muss Exzesse, also übermäßige Gier oder übergroße Furcht, disziplinieren.“

Zugleich warnte Trichet jedoch davor, als Resultat aus der Krise Geldinstitute zu stark einzuschränken: „Auf der anderen Seite kann ich nur davor warnen, die Banken in ihrer Tätigkeit zu behindern. Banken finanzieren in Europa 75 Prozent aller wirtschaftlichen Aktivitäten. Die Realwirtschaft ist zur Finanzierung von Investitionen auf Banken angewiesen, und wir sollten die Banken nicht schlecht behandeln oder ignorieren. Denn damit würden wir uns selbst ins Bein schießen.“

Ruhestand

Auch nach dem Ende seiner Amtszeit als EZB-Präsident will sich Trichet nicht zur Ruhe setzen: „Ich werde sicher aktiv bleiben. Was ich konkret mache, werde ich erst nach dem Ausscheiden aus der EZB sehen.“

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