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"Hugo Cabret" Hommage an einen Stummfilmpionier

Martin Scorseses 3D-Märchen “Hugo Cabret” entführt in die Zeit, in der die Bilder laufen lernten.

Berlin – Martin Scorsese ist seit langem restlos der Magie des Kinos von anno dazumal verfallen. So entpuppt sich sein neues Werk “Hugo Cabret” als zauberhafte Liebeserklärung an einen französischen Pionier der Stummfilm-Ära. Eingebettet ist die Hommage in die rührende Geschichte eines Waisenjungen, der sich im Jahre 1931 im Pariser Bahnhof Montparnasse versteckt.

Das mit elf Oscar-Nominierungen überhäufte Cineasten-Märchen ist Scorseses erster Familienfilm und auch der erste 3D-Versuch des weltweit vielleicht renommiertesten Regisseurs.

Aus Angst vor dem Waisenheim verbirgt sich der 13-jährige Hugo seit dem Tod seines geliebten Vaters, eines Uhrmachers, in den labyrinthischen Bahnhofsgebäuden. Heimlich hat er die Arbeit seines versoffenen Onkels Claude, die Wartung der Bahnhofsuhren, übernommen. Hugo ernährt sich von geklauten Croissants und repariert nachts an einem roboterhaften Automaten, dem Erbe seines mechanikbegeisterten Vaters, herum.

Als er das Mädchen Isabel kennenlernt, kommt er dem Rätsel des Maschinenwesens näher. Denn Isabels verbitterter Onkel Georges, der im Bahnhof einen Spielzeugladen betreibt, weiß mehr über das “Automaton”, als er zunächst zugibt.

Schnell entwickelt sich das Detektiv-Abenteuer zu einem Film über das Abenteuer des Kinos an sich. Hugo, der sich wie einst Scorsese in seiner schwierigen Kindheit oft ins Kino flüchtet, begeistert auch die Waise Isabel für die bewegten Bilder. Die Handlung strotzt vor cineastischen Anspielungen und scheint geradezu um legendäre Stummfilmszenen wie etwa Harold Lloyds Turmuhr-Kletterei in “Safety Last” herumgebaut. Vor allem aber feiert Scorsese, der sich seit Jahren für die Restaurierung alter Filme einsetzt, den Varitkünstler und Kinomagier Georges Mliès. Tatsächlich wurde dessen Werk in den 1930er-Jahren wiederentdeckt.

Scorseses opulente Verfilmung eines Kinderbuchs von Brian Selznick ist nicht ohne Makel. Denn mit dem alltäglichen Gemenschel kann der geniale Filmemacher, mit Gewaltepen wie “Taxi Driver” und “Goodfellas” berühmt geworden, eher wenig anfangen. Die Begegnung der Kinder mit skurrilen Bahnhofspassanten kommt arg betulich daher. Dem Lausbub Hugo (Asa Butterfield) werden furchtbar altkluge Sätze in den Mund gelegt, und Nachwuchsstar Chlo Grace Moretz als Isabel ist fade: Die Kids sind vor allem Stichwortgeber eines manchmal arg missionarischen Plädoyers für die Bewahrung der Filmkunst.

Doch es ist unmöglich, sich nicht von Scorseses Leidenschaft mitreißen zu lassen. Mit Mliès? Filmmärchen wie “Die Reise zum Mond” und Streiflichtern auf frühe “Special Effects” zeigt Scorsese, wie der Stoff, aus dem die Träume sind, einst gewoben wurde. Die dreidimensional vertiefte Ästhetik, in der Paris noch malerischer wirkt als zu Amlies Zeiten, ist atemberaubend. Mit dem fantasievoll variierten Leitmotiv eines einfahrenden 3D-Zuges wird auch das heutige Publikum kopfüber in den cineastischen Urknall des Jahres 1885 geworfen, bei die Gebrüder Lumière die Zuschauer durch einen auf der Leinwand heranrasenden Zug in Panik versetzten.

Erstklassig ist nicht nur die Besetzung, in der zum Beispiel neben Ben Kingsley als Mliès Sacha Baron Cohen als depperter Polizist und der 90-jährige Christopher Lee als Buchhändler auftauchen. Hinreißend ist auch die Ausstattung im nostalgieseligen “Steam Punk”-Design. Mit gigantischen Uhr-Räderwerken und schnarrendem Aufziehspielzeug würdigt der Film die kreativen Tüftler und Träumer, die, gestern und heute, die filmische Illusionsmaschinerie in Gang halten. Nur ein besessenes Spielkind wie Scorsese konnte auf die Idee kommen, die betagten Stummfilm-Schätzchen mit avanciertester 3D-Technik neu erstrahlen zu lassen.

(“Hugo Cabret”, USA 2011, 126 Minuten, FSK: 6, Verleih: Paramount, Regie: Martin Scorsese, Darsteller: Asa Butterfield, Chlo Grace Moretz, Ben Kingsley, Sacha Baron Cohen u.a.)

Kinostart: 9. Februar 2012

04.02.2012 © dapd / newsburger.de

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