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Der spindeldürre Fußballheld

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07.02.2012

Horst Eckel Der spindeldürre Fußballheld

Horst Eckel zum 80. Geburtstag.

Kaiserslautern – Der Weltmeister trägt Trainingsanzug. Und als er mit einem Begrüßungslächeln in seiner Haustür steht, fällt einem noch eines sofort auf: Horst Eckel ist immer noch genauso gertenschlank wie auf den alten Mannschaftsfotos, auf denen drei Eckels in einen Kohlmeyer gepasst hätten. Windhund tauften sie ihn damals. Alles erreicht hatte dieser spindeldürre Bursche aus dem kleinen pfälzischen Nest Vogelbach schon mit 22 Jahren. Weltmeister, Deutscher Meister, Fußballheld, in der Pfalz wie in Deutschland. In seinem Vogelbach sowieso. Am Mittwoch wird Horst Eckel, der Benjamin der 54er-Elf, 80 Jahre alt.

Der Weltmeister bittet hinein, er geht die schmale Treppe voran ins Wohnzimmer. Dort deutet er auf das Sofa an der Wand, nimmt selbst auf dem Sessel gegenüber Platz – und fängt nach der ersten Frage an zu erzählen. Davon, wie alles losging, von 40 Saisontoren als Mittelstürmer in Vogelbach, von dem Tag, als der Juniorentrainer des großen, unendlich weit entfernten 1. FC Kaiserslautern anrief, vom ersten Training auf dem Betzenberg, bei dem Fritz Walter den 17-jährigen Neuling gleich als ersten in seine Mannschaft wählte.

Davon, wie er zweimal die Woche vom Nähmaschinenwerk Pfaff zu Fuß quer durch die Stadt und hinauf zum Training lief. Zwei Stunden Training nach neun Stunden Arbeit als Feinmechaniker. Wie er spätabends nach dem Training im Tischtennisverein daheim in Vogelbach noch seine Koordination übte, wie er oft genug auch sonntagmorgens um Meisterschaftspunkte Pingpong spielte – der FCK spielte ja erst um drei. Nein, sein Trainer in Lautern habe das gar nicht gerne gesehen, erzählt Horst Eckel, auch seine Eltern, die ihn kaum sahen, hätten natürlich gemurrt. “Aber die konnten gar nichts sagen, da gab es keine Diskussion.”

Der Sport sei nun mal sein Leben gewesen, sagt Eckel, der nach der Karriere als Fußballer noch einmal ganz von vorne anfing, studierte und Sportlehrer wurde. Seine Frau Hannelore musste ihn damals über Wasser halten, ihn, den Weltmeister, auch das aus heutiger Sicht so unvorstellbar. “Ich werde ihr das nie vergessen”, sagt Horst Eckel. Eckel erzählt Geschichten aus einer anderen Zeit, Geschichten, bei denen einem klar wird, wie weit diese 50er-Jahre eigentlich zurückliegen, gemessen in Fußballzeit.

Wer Horst Eckel einmal zugehört habe, sagt Kaiserslauterns Klubchef Stefan Kuntz, der fühle die alten Zeiten wieder aufleben. Er verkörpere die Eigenschaften, die den Verein groß gemacht hätten: “Respekt, Anstand, Ehrlichkeit und Leidenschaft.” Eckel erzählt gestenreich, immer wenn er die Handflächen zusammenschlägt, klacken sein Ehering und der FCK-Meisterring aneinander. Eckel erzählt, wie Fritz Walter seinen Stammplatz beim Trainer durchboxte und ihm dann freundlich-bestimmt sagte, er solle auch ja gut spielen, sonst werde er ihm schön in den Hintern treten.

Wie Bundestrainer Sepp Herberger nach einem Spiel mit tadelndem Blick auf ihn zukam und ihm seinen Lieblingstrick ausredete. “Den Ball anlupfen und am Gegner vorbei”, beschreibt Horst Eckel und lächelt. Das gab es beim Chef fortan nicht mehr. Es sind Hunderte unterhaltsamer, wunderschöner Anekdoten. Wenn seine Kumpels ihn samstagabends wieder einmal zum Tanzen schleppen wollten, sagte er lächelnd ab. Nur am Sonntagabend, nach den Oberliga-Spielen, ging er hin und wieder mit seiner Hannelore ins Kino.

“Ich habe immer nur für den Sport gelebt”, sagt Horst Eckel und es klingt wie das Normalste der Welt. Es war wohl auch diese absolute Hingabe, die Fritz Walter, Eckels größter Förderer, schon ganz früh in ihm erkannte. In der Nationalelf ließ der den zwölf Jahre Jüngeren nicht wie im Verein als Rechtsaußen, sondern als rechten Läufer aufstellen – schräg hinter Walter, wo der wendige und laufstarke Eckel dem Ballkünstler den Rücken frei hielt. “Wir verstanden uns blind”, sagt Eckel, “wir waren wie eine Einheit.”

Horst Eckel ist längst gesamtdeutsche Ikone, fehlte bis ins hohe Alter auf keinem Benefizspiel und war auch da voll bei der Sache. Bei der Auslosung der WM-Spiele 2006 drosch er einen Fußball wie zu besten Zeiten in die Ränge. Seit Jahren führt er die Arbeit der Sepp-Herberger-Stiftung für den verstorbenen Fritz Walter fort. Am Mittwoch ehrt der DFB den Jüngsten seiner ersten Weltmeister. Theo Zwanziger und Wolfgang Niersbach kommen nach Kaiserslautern, zusammen mit 200 weiteren Ehrengästen. Man darf davon ausgehen, dass Horst Eckel froh ist, wenn der ganze Trubel wieder vorbei ist.

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