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Glaube und Grundgesetz als Motiv

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24.01.2012

Kriminalität Glaube und Grundgesetz als Motiv

37-Jähriger muss sich seit Dienstag wegen der Entführung seiner Kinder nach Ägypten verantworten.

Lüneburg – Katja H. könnte laut werden, anklagen oder schreien. Schließlich waren ihre Kinder vom eigenen Vater entführt worden. Genau 136 Tage wartete die 31-Jährige aus dem niedersächsischen Hermannsburg im vergangenen Jahr auf die Rückkehr von Jonas, Benjamin, Miriam und Lisa aus Ägypten und Sudan. Vor dem Landgericht Lüneburg wirkt sie am Dienstag aber gefasst, sagt, dass es richtig sei, dass Kinder beide Elternteile gleich lieb haben und beschreibt die zuvor erfolgte Trennung von ihrem Mann als “letzten Ausweg”. Ihr Mann muss sich auf der Anklagebank wegen Kindesentziehung verantworten.

In Ägypten wollte der 37-Jährige sich ein neues Leben mit ihnen aufbauen. Vier Tage zuvor hatte er sich laut Anklage mit einem nachgemachten Schlüssel Zugang zu dem Haus der 31-Jährigen verschafft, um die Pässe und Sparbücher der Kinder zu besorgen. Das Geld sollte zum Lebensunterhalt dienen.

Die Ehe mit seiner Frau war zu diesem Zeitpunkt schon lange zerrüttet, die Scheidung auf den Weg gebracht. Katja H. beschreibt es als einen laufenden Prozess, in dem ihr Mann sich immer mehr von der Familie entfernt habe. 2004 war der Krankenpfleger arbeitslos geworden. Die Familie lebte von Hartz IV. “Dann hat er immer mehr in der Bibel gelesen, sich in seinem Zimmer verkrochen. Die Familie war außen vor”, sagt sie.

Es fand sich schließlich keine Tätigkeit mehr, die mit seinem Glauben vereinbar gewesen wäre. Auch da hielt sie noch zu ihm. Half ihm, bei seinem Vorhaben, Missionar zu werden und auf eine Bibelschule zu gehen. Nach einer kurzzeitigen Trennung wollte sie “es noch einmal probieren – wegen der Kinder”, wie sie sagt. Doch 2009 kommt es zum endgültigen Bruch. Katja H. trennt sich, sucht sich einen neuen Partner und erhält im April 2011 das alleinige Sorgerecht. Ihr Mann kennt da nur noch einen Ausweg. Unter dem Vorwand, mit seinen Kindern über Ostern einen Fahrradausflug machen zu wollen, holte er sie am Ostermontag ab. Mit einem Mietwagen fuhr er nach Hannover, von dort flog er mit den Kindern nach Ägypten.

Seine Frau bleibt zurück in der Ungewissheit. Sie erfährt erst nach einigen Tagen von der Entführung. “Die leeren Betten, das Spielzeug, die Fußballfotos, die selbst gemalten Bilder – das zerriss mir das Herz”, hatte sie nach der Rückkehr der Kinder auf einer Pressekonferenz gesagt.

Diese Öffentlichkeit hatte die Mutter genutzt, um die Suche nach ihren Kindern zu intensivieren. Gegenüber den Medien stellt sie auch in Zweifel, dass die Kinder es bei ihrem Mann gut haben. Und tatsächlich kehren Lisa (4), Miriam (6), Benjamin (7) und Jonas teilweise mit Parasiten zurück, waren “abgehungert”, wie sie berichtet. Eine Psychologin, die mit den Kindern nach deren Rückkehr gesprochen hatte, sagt jedoch, dass sie “nicht in einer furchtbaren Verfassung gewesen” seien.

Auch Axel H. verwahrt sich gegen dieses Bild, das von seiner Person gezeichnet wird. Seine Frau habe ihn bewusst als religiösen Fundamentalisten dargestellt. Seine tiefe Religiösität lässt sich aber auch vor Gericht nicht verbergen. Er rezitiert frei aus der Bibel, hält dem Richter einen Vortrag, was Glauben sei. “Ich weiß nicht, ob Sie mal in der Bibel gelesen haben? Dort steht, der Glaube ist ohne Werke tot”, sagt er provozierend, das Kinn leicht vorgestreckt.

Der Glaube ist für ihn neben dem im Grundgesetz dargelegten Grundrecht zur Erziehung seiner Kinder das Motiv für die Entführung. “Ich glaube, das der Umgang bei meiner Frau kein guter war”, entschuldigt er seine Tat. Auch den Kindern gegenüber vertrat er diese Auffassung. “Wenn er die Kinder abgeholt hat, gab es keinen schönen Nachmittag. Stattdessen erklärte er den Kindern, dass ich eine Ehebrecherin bin”, sagt Katja H.

Die Version ihres Mannes ist eine andere: “Ich habe die Mutter vor den Kindern nicht schlecht gemacht. Ich habe einfach nur gesagt, wie es wirklich ist.” Die Kinder hätten schließlich auch die Geschichte der Ehebrecherin in der Bibel, die gesteinigt werden sollte, gekannt. Es ist der Moment in der Verhandlung, in der der Vorsitzenden Richter Thomas Wolter sich kurzzeitig auf eine theologische Debatte einlässt. “Und wer war dagegen?”, will er von dem Angeklagten wissen und verweist auf die Rolle von Jesus in dieser Geschichte und seiner Aussage, dass derjenige den ersten Stein werfen möge, der ohne Sünde sei.

Doch Axel H. bleibt dabei: “Ehebruch ist eine Sünde. Es wird heute so getan, als sei es nichts. Aber es verletzt einen”, sagt er und verschluckt den letzten Teil der Aussage fast. Später, mit seiner im Prozess gewohnt festen Stimme, betont er: “Wenn sie ihr Verhalten nicht ändert, wird sie von Gott in die Hölle geschickt.”

Vor dem irdischen Gericht muss sich nun aber er selbst erstmal verantworten. Kindesentziehung kann laut Strafgesetzbuch mit bis zu zehn Jahren Haft bestraft werden. Katja H. gibt am Dienstag zu, dass sie große Angst vor einer Bewährungsstrafe hat. “Würde er es wieder tun?”, fragt sie der Richter. “Ich gehe davon aus”, sagt sie. An die Pässe würde er aber jetzt nicht kommen – dafür habe sie gesorgt.

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