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Gefangen im Vanitas der Popkultur

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20.02.2012

Andy Warhol Gefangen im Vanitas der Popkultur

Andy Warhol sah den Glamour zwischen seinen Fingern zerrinnen.

Berlin – Neugierig drehen sich die Köpfe nach der weißblonden Perücke. Ein Raunen geht durch die Menge in der angesagten Disko “Studio 54″. So muss es sich abgespielt haben, wenn sich Andy Warhol unter die feiernde New Yorker Bohme mischte. Auf alten Fotos wirkt der Künstler wie ein Spiegelbild jenes Glamours, den er mit Siebdrucken von Hollywoodstars doch eigentlich erfunden hatte. Seine verkrampfte Haltung verdankte er einem Korsett, die maskenhaften Gesichtszüge einem währenden Schock. Er sollte sich nie von dem Attentat erholen, das eine radikale Feministin auf ihn verübte hatte. Warhol lebte den Vanitas der Popkultur: Die Vergänglichkeit beschäftigte ihn bis zu seinem Tod vor 25 Jahren, am 22. Februar 1987.

Noch heute stöbern Kunstliebhaber in seinem Nachlass. Er reicht von Werbegrafiken und Siebdrucken über Filme bis hin zu Büchern. Warhol habe ein geradezu unglaubliches Gespür für wirkungsvolle Bilder besessen, meint der Kurator der aktuellen Warhol-Ausstellung im Frankfurter Museum für Moderne Kunst, Mario Kramer. Seit den 60er Jahren avancierte der Künstler zur Ikone der Pop-Art, galt als erster amerikanischer Künstler, der Weltruhm erlangte. Geboren wurde er am 6. August 1928 in Pittsburgh, als Sohn slowakischer Immigranten. Schon als Kind litt er an einer Nervenkrankheit. Gezwungen im Bett zu liegen, entwickelte der junge Warhol eine Leidenschaft für Comics und Kinofilme, die ihn wohl zum Grafikstudium motivierte.

Nach dem Abschluss zog er nach New York, wo Kunst, Literatur und Werbung boomten. “Zum Glück für Warhol herrschte in der Werbegrafik damals ein solch avantgardistischer Geist, dass ein begabter junger Gestalter wie er willkommen war”, zitiert das Frieder Burda Museum in Baden-Baden einen Freund des Künstlers. Warhol schlug sich als Schaufensterdekorateur und Werbegrafiker durch und verkaufte Ost und Gemüse auf der Straße. In seiner Freizeit zeichnete er mit Tinte und Tusche Engel, Schmetterlinge und Katzen und kopierte sie mit Löschpapier – die Idee zum Siebdruck war geboren.

Die Drucktechnik ermöglichte ihm, Foto-Motive in verschiedenen Farben, Stilen und Größen zu reproduzieren. Polaroids wurden mit Acryl und Serigrafie-Tinte auf Leinwände gepresst – knallbunt und effekthascherisch. Gedruckt wurden vor allem Porträts von Berühmtheiten wie Marilyn Monroe, Elvis Presley und Liz Taylor. Der “Große Führer” Mao Zedong faszinierte Warhol derart, dass er Hunderte Porträts von ihm anfertigte. Die Individualität reduzierte er durch wenige markante Gesichtszüge. Frauenporträts wirken wie lupenreine Barbie-Gesichter – schrill springen Haare, Augen und Münder dem Betrachter entgegen, während sich die Nasenkonturen wie bei einem überbelichteten Foto auflösen.

Die Ausstellung von 32 Kleinformaten der leuchtenden “Campbell’s Dosensuppen” in Los Angeles machte Warhol 1962 zum Weltstar. Dabei wirken die Dosen fade wie wohl ihr Inhalt – lieblose Bilder für den Massengeschmack, könnte der Betrachter meinen. Doch der Schein trügt. Das Spiel mit Original und Reproduktion zielt auf den Verfall der Konsum- und Massenkultur. Als Mann des Augenblicks wusste Warhol genau, dass jedes Ereignis zerrinnt wie die Körner in einer Sanduhr. Beinahe krampfhaft versuchte er, das Leben festzuhalten, filmte Promis in allen erdenklichen Situationen, meist in einer einzigen Kameraeinstellung, und lässt die Bänder für den Voyeur ungeschnitten.

Dicht gedrängt fanden sich Transvestiten, Schauspieler, Maler und Musiker auf dem blanken Boden seines Filmstudios zusammen. Die sogenannte “Factory” avancierte zum Partytreff, wo Bob Dylan, Mick Jagger oder auch Salvador Dal im gleißenden Licht ihrer Lebenslust frönten. Geladen war auch die Frauenrechtlerin Valerie Solanas – ein fataler Fehler. Die als geistig verwirrt geltende Frau schoss Warhol 1968 an. Nach seiner Operation entwickelte dieser eine manische Sammelwut, raffte auf Flohmärkten Mickey Mouse-Figuren und Porzellan zusammen, als wären sie Zeugnisse seines Überlebens.

Am 23. Februar 1987 titelte die “New York Post” in großen Lettern: “Andy Warhol mit 58 gestorben”. Der “Prinz der Pop-Art, der eine Suppendose in einen Museumsschatz verwandelte”, wie es weiter über ihn hieß, war am Tag zuvor nach Komplikationen bei einer Gallenblasen-Operation gestorben. Die Vergänglichkeit hatte den Mann mit der Platinperücke endgültig eingeholt.

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