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Frankreich vor dem Linksruck

© AP, dapd

22.04.2012

Schicksalswahl Frankreich vor dem Linksruck

Schicksalswahl mit Auswirkungen auf ganz Europa.

Paris – „Wir haben keine Wahl als zu sparen. Die Versprechen von François Hollande sind albern, uns fehlt das Geld“, sagt Marie-Française Gouyet. Die 55-jährige Beamtin hat gerade im 8. Pariser Arrondissement ihre Stimme abgegeben, einer Hochburg von Amtsinhaber Nicolas Sarkozy.

Der Sonntag ist ein besonderer Wahltag: 44,3 Millionen Menschen waren aufgerufen, aus zehn zunächst zwei Kandidaten für das Duell um die Staatspräsidentschaft auszusuchen. Doch schon die erste Runde hat Signalwirkung, die weit über die Grande Nation hinausgeht.

Sollte der Sozialist Hollande die meisten Stimmen gewinnen, wie es die letzten Umfragen erwarten ließen, dann wäre er von Sarkozy bis zum 6. Mai wohl kaum noch einzuholen. Und Hollande steht für eine Abkehr der rigorosen Sparpolitik Sarkozys, und das könnte sich auf die Schuldenpolitik Brüssels auswirken.

„Diese Wahl hat Gewicht für die Zukunft Europas“, betonte der Herausforderer nach seiner Stimmabgabe in einem Büro im zentralfranzösischen Tulle. „Es geht nicht nur um einen Wettstreit der Persönlichkeiten, die Menschen wollen wissen, welche Politik folgen wird“, sagte Hollande. „Ich muss meinem Land neuen Lebensatem geben und eine neues Bekenntnis für Europa abgeben.“

Sarkozy hatte vor der ersten Runde alles daran gesetzt, Hollande als Gefahr für Frankreich und Europa zu demontieren. Frankreich drohe das gleiche Schicksal wie dem schwer gebeutelten Spanien, das immer höhere Zinsen zahlen muss, warnte er. Mit seiner Taktik konnte er auch Punkte machen. „Er hat schon wichtige Reformen durchgebracht, etwa bei den Renten“, sagt seine Wählerin Gouyet. „Er hat eine gute Bilanz, und den schlechten Umfragewerten glaube ich nicht.“

Doch die Sehnsucht der Franzosen nach einem neuen Wohlfühl-Frankreich ist groß, nach 17 Jahren konservativer Regierung, nach fünf Jahren Sarkozy. „Der hat doch alle seine Versprechen gebrochen, vor allem, die Zahl der Arbeitslosen zu halbieren“, sagt Mohammed Derisse. Der 37-jährige Unternehmer ist kein Sozialist, hat diesmal aber dennoch für Hollande gestimmt. „Denn die Armen sind unter Sarkozy noch ärmer geworden, und die Reichen noch reicher. Jetzt reicht es.“

Allerdings glaubt auch Derisse nicht, dass das Heil Frankreichs in zu vielen neuen Staatsausgaben liegt. „Wir müssen sparen, aber nicht mit zu viel Druck. Bei Sarkozy war es zu viel. Hollande will die Menschen mitnehmen und nicht verletzen.“

Es ist eine Richtungsentscheidung, vor der Frankreich steht. Hollande will 60.000 neue Lehrer einstellen, eine Millionärssteuer von 75 Prozent erheben und die Rentenreform teilweise zurückdrehen, damit Menschen wieder mit 60 statt 62 Jahren in den Ruhestand gehen können. Und er will bis 2017 einen ausgeglichenen Haushalt vorlegen, also ein Jahr später als Sarkozy. Doch wie er das angesichts seiner Versprechen erreichen will, dahinter steht ein riesiges Fragezeichen. Allerdings hat auch der bisher so enge Partner von Kanzlerin Angela Merkel seine Positionen geändert. Sarkozy will nun – wie Hollande – die Europäische Zentralbank zur Konjunkturmaschine für Europa machen.

Ob Sarkozy seine Landsleute aber wirklich noch überzeugen kann, dass an Einschnitten und Reformen kein Weg vorbeiführt, und deswegen er der richtige Mann ist, ist fraglich. „Dieser europäische Sparkurs bringt uns noch um“, sagt Pierre Teulon. „Wie sollen sich denn die Staaten erholen, wenn ihre Bürger kein Geld mehr haben?“, fragt er entrüstet.

Der 52-Jährige sichert die Baustelle am „Place de la République“, dem zentralen Platz im Arbeiterviertel von Paris. Teulon arbeitet seit einigen Monaten für den französischen Mindestlohn von knapp 1.400 Euro und hofft, mit Hollande mehr Geld zu erhalten – denn der Sozialist will den Mindestlohn anheben. 2007 noch hat der Mann mit dem Schnurrbart und der Jeans-Kappe Sarkozy gewählt. „Ich habe ihm geglaubt, dass ich mehr arbeiten und mehr verdienen kann“, sagt er und schüttelt den Kopf. Statt dessen habe er seine besser bezahlte Arbeit verloren und dann diesen „Drecksjob inmitten von Autoabgasen“ annehmen müssen.

Menschen wie Teulon haben sich massenhaft von Sarkozy abgewandt. Die Arbeiterklasse repräsentiert zwischen 30 und 40 Prozent der Wählerschaft. Und sie sind nach Studien französischer Politikwissenschaftler sehr wechselhaft. 2002 waren es die Geringverdiener, Arbeitslosen und Werktätigen, die für den Überraschungserfolg des rechtsextremen Jean-Marie Le Pen sorgten. Fünf Jahre später hatte Sarkozy in dieser Schicht Erfolg. Zu Beginn seiner Amtszeit besuchte Sarkozy Schlachthöfe, Großhandel und Fabriken, um das „Frankreich, das früh aufsteht und hart arbeitet“, zu hofieren. Doch danach hat er diese Klientel vernachlässigt. Und das kann sich jetzt rächen.

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