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Charmant, kumpelhaft, kompromisslos

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08.02.2012

Frank Bsirske Charmant, kumpelhaft, kompromisslos

Ver.di-Chef Frank Bsirske wird 60.

Berlin – Nein, das Wort Streik will er nicht aussprechen. Aber natürlich – sollten die Arbeitgeber wieder auf stur schalten, dann wäre alles möglich, sagt Frank Bsirske in einem dapd-Interview und lächelt. Er ist sich seiner Macht bewusst. Erst im September 2011 wurde er zum vierten Mal zum Vorsitzenden der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di gewählt. Einer Gewerkschaft mit zwei Millionen Mitgliedern, die im Nahverkehr, in Krankenhäusern oder bei der Müllabfuhr beschäftigt sind. Wenn diese streiken, merken das auch die Bürger.

Am Freitag (10. Februar) wird Bsirske 60 Jahre alt. Mit seiner kumpelhaften, charmanten Art, die seine Kompromisslosigkeit des Öfteren überdeckt, hat er es trotz Affären geschafft, einer der mächtigsten Gewerkschafter und gefürchtetsten Arbeitskämpfer der Republik zu werden.

Seine Politik macht das Grünen-Mitglied abseits des Berliner Regierungsviertels, in einem großen Bürokomplex mit Blick auf die Spree, an der Nahtstelle zwischen Mitte, Kreuzberg und Friedrichshain. Hier entwickelt er Kampagnen für Mindestlohn und Strategien für Wachstum. Hier drischt er – rhetorisch geschickt – auf die Politik der Regierung ein. Hier trinkt der Schnauzbartträger mit Vorliebe seinen schwarzen Tee.

Geboren wurde Bsirske am 10. Februar 1952 in Helmstedt. Sein Vater, der der KPD nahe stand, arbeitete am Band bei VW und war Betriebsrat – und damit Vorbild für seinen Sohn. In den 80er Jahren war Bsirske in der Fraktion der Grünen Alternativen Bürgerliste im Rat von Hannover tätig. Von 1978 bis 1987 war er zudem Bildungssekretär im Bezirk Hannover der Sozialistischen Jugend Deutschlands – Die Falken.

Im Jahr 2000 wurde Bsirske überraschend zum Vorsitzenden der ver.di-Vorgänger-Organisation ÖTV (Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr) gewählt. Bereits ein Jahr später war er maßgeblich an der Fusion von ÖTV, Deutscher Angestellten-Gewerkschaft (DAG), Deutscher Postgewerkschaft (DPG), Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen (HBV) und IG Medien beteiligt. Seit dem 20. März 2001 ist er ver.di-Chef. Dass es gelungen sei, aus fünf Gewerkschaften eine Einheit zu machen, bezeichnet er denn auch als seinen größten Erfolg.

Der Politikwissenschaftler, der verheiratet ist, ist ein Kämpfer für Arbeitsplätze. Das war allerdings nicht immer so. Als Personaldezernent der Stadt Hannover hatte er von 1997 bis 2000 mehrere hundert Stellen gestrichen und es damit begründet, die Verwaltung müsse effizienter und bürgernäher werden.

Im Sommer 2008 geriet Bsirske in die Schlagzeilen, weil er als Lufthansa-Aufsichtsrat einen Freiflug in der ersten Klasse auf Kosten des Unternehmens machte, während die Fluggesellschaft zeitgleich von ver.di bestreikt wurde. Nach heftiger Kritik und Rücktrittsforderungen aus der Politik erklärte sich Bsirske bereit, den Flug zu bezahlen.

Auch mit der “Mittelfinger-Affäre” sorgte Bsirske, der auch Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat des Energiekonzerns RWE AG, bei der Lufthansa AG und der Postbank ist, für negative Schlagzeilen. Bei seiner Rede im November 2010 in Dortmund, in der er die Bundesregierung scharf kritisierte, zeigte er als Zeichen der Verachtung beide Mittelfinger ausgestreckt. Es sei ungezogen, seine Gegner so obszön zu bedenken, monierten die Kritiker alsbald. So jemand disqualifiziere sich als ernstzunehmender Gesprächspartner. Die ver.di-Führung sei nur auf Krawall gebürstet.

Bsirske ist ein Mann klarer Worte. Wenn ihm etwas nicht passt, kritisiert er auch seine Parteifreunde. Das Verhältnis von ver.di zur SPD und der rot-grünen Bundesregierung war seit dem Jahr 2003 zunehmend von der Auseinandersetzung um die von Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) vorgestellte “Agenda 2010″ bestimmt. Bsirske warf Rot-Grün Brechen von Wahlversprechen vor. Die Einschnitte seien “historisch beispiellos” und gingen deutlich über die der Kohl-Ära hinaus. Zudem wandte er sich auch gegen die “Rente mit 67″, die “generell Mist” sei, weil sie nur “ein Verarmungsprogramm” für Millionen aus der jungen Generation sei.

Für die kommenden Tarifrunden, unter anderem im öffentlichen Dienst bei Bund und Gemeinden, in der Chemie-, Metall- und Elektroindustrie hat sich Bsirske bereits warmgelaufen: “Wir bewegen uns also in einem Spektrum von sechs bis sieben Prozent mit sozialer Komponente. Das sind Daten, die auch für andere Bereiche und Branchen orientierenden Charakter haben”, sagt der begeisterte Krimileser mit ruhiger Stimme, lächelt und trinkt einen Schluck Tee. Nicht trotz, sondern wegen der Krise seien “nachhaltige Lohnerhöhungen sowohl ein Gebot der Gerechtigkeit als auch ein Gebot ökonomischer Vernunft”.

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