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Flashmob gegen die Generale

© AP, dapd

24.01.2012

Ägypten Flashmob gegen die Generale

Ein Jahr nach Beginn der Protestwelle gegen Mubarak proben die Revolutionäre immer noch den Aufstand.

Kairo – Urplötzlich findet sich auf einem belebten Boulevard in Kairo eine Gruppe von Aktivisten zusammen und führt Videoaufnahmen von Soldaten vor, die Demonstranten zusammenschlagen, über den Boden schleifen, eine Frau halb ausziehen und auf ihr herumtrampeln. Die Botschaft an die neugierigen Passanten ist klar: Die Generale müssen weg.

Anhänger der ägyptischen Demokratiebewegung, die vor genau einem Jahr den Aufstand gegen Husni Mubarak anführte, haben in den vergangenen Wochen hunderte solcher Flash Mobs inszeniert. “Lügner” nennt sich ihre Kampagne gegen den herrschenden Militärrat, die der Öffentlichkeit jüngste Schandtaten der Streitkräfte vor Augen führen soll und ihrer Forderung nach rascher Machtübergabe nach eigenen Angaben neue Unterstützung eingebracht hat.

Doch sie wirft auch Fragen auf. “Was wollen die?”, fragt ein Passant, der 30-jährige Mohammed Ali, angesichts des Flash Mobs. “Selbst wenn die Militärs Lügner sind – wir werden in sechs Monaten eine Machtübergabe an Zivilisten haben, das ist doch nicht schlecht”, findet er. “Das ist diesen ganzen Radau nicht wert. Abwarten.”

Am Mittwoch jährt sich der Beginn der 18-tägigen Protestwelle, die zum Sturz Mubaraks am 11. Februar 2011 führte. Aus der Unzufriedenheit darüber, dass sich so wenig geändert hat, versuchen Aktivisten, neue revolutionäre Funken zu schlagen. Doch dazu müssten sie den des Aufruhrs müden Ägyptern auch deutlich machen, was das Ziel sein soll. Im zweiten Jahr der Revolution gilt es aus ihrer Sicht, sowohl dem autoritären Militärrat Druck zu machen, als auch der Muslimbruderschaft: Die bei den Wahlen siegreichen Islamisten, so befürchten sie, könnten sich mit den Generalen zusammentun.

Alle Beteiligten haben ihre eigenen Pläne für den Jahrestag am 25. Januar. Zusammenstöße sind nicht auszuschließen. Staatstragende Medien unkten schon im Voraus, die Demonstranten wollten “das Land in Brand stecken”. Die Aktivisten haben eine Woche “der Trauer und des Zorns” mit Großdemonstrationen ausgerufen. Bereits am Freitag zogen Tausende auf den Tahrir-Platz und forderten Gerechtigkeit für die Opfer der Sicherheitskräfte. Auch zur konstituierenden Sitzung des von Islamisten beherrschten Parlaments am Montag protestierten Tausende gegen Militär und Muslimbruderschaft. Für Mittwoch sind weitere Demonstrationen angekündigt.

Der Militärrat wiederum hat den 25. Januar zum Feiertag erklärt. Geplant ist eine große Flugschau mit Abwurf von Geschenkgutscheinen für das Volk und die Auszeichnung von Offizieren für ihre Verdienste beim Aufstand gegen Mubarak. Auch die Botschaft der Generale ist klar: Wir haben den Aufstand unterstützt, aber jetzt ist Schluss mit der Revolution. “Stabilität ist das oberste Ziel”, betont Generalmajor Ismail Etman. “Wenn es Spannungen zwischen dem Volk und den Streitkräften gibt, müssen sie ausgeräumt werden. (…) Wir wollen die große Familie in Liebe und Stabilität vereint.”

“Wir werden nicht feiern, wir werden unsere Revolution zu Ende bringen”, hält der Aktivist Ahman Imam auf einer Pressekonferenz der Jugendbewegungen entgegen. “Wir werden nicht feiern, wenn ungestraft das Blut von Märtyrern vergossen wird. Wir werden nicht feiern, weil sie Lügner sind.” Von oberflächlichen Veränderungen abgesehen, geht es aus Sicht der Kritiker unter den Militärs nicht minder autoritär und brutal zu als unter Mubarak: Fast 100 Demonstranten wurden seit dessen Sturz bei Zusammenstößen mit den Streitkräften getötet, fast 12.000 Zivilpersonen vor Militärtribunale gestellt.

Die Revolutionäre sehen ihre Vision von “Freiheit, sozialer Gerechtigkeit und Würde” schwinden und stattdessen eine Allianz von Islamisten und Generalen heraufziehen. Nach dem – von den Generalen aufgestellten und von den Muslimbrüdern unterstützten – Plan für den Übergang will der Militärrat bis Ende Juni die Macht an einen gewählten zivilen Präsidenten übergeben. Noch zuvor soll ein Parlamentsausschuss eine neue Verfassung ausarbeiten. Vertreter der Muslimbruderschaft bestreiten jegliches Bündnis mit den Streitkräften. Das Militär solle die Macht abgeben, doch dafür könne nicht Protest, sondern nur das Parlament sorgen, argumentieren sie. Unruhestiftende Demonstranten gefährdeten dieses Ziel nur. Proteste müssten im Rahmen des Gesetzes bleiben und “die höheren Interessen des Staates” wahren, mahnt Muslimbruder Ahmed Abu Baraka.

Die Aktivisten sind uneins, wem das Militär das Ruder übergeben sollen: dem Parlament, einem Präsidenten oder vielleicht einem Rat aus Zivilpersonen. Manch einer befürchtet, dass eine Machtübergabe an das Parlament die Muslimbruderschaft nur noch stärken würde. Ahmed Maher von der Bewegung 6. April dagegen hielte das für die beste Taktik, einen Keil zwischen Muslimbrüder und Militär zu treiben. “Sie sind Zivilisten. Wir würden mit ihnen argumentieren, verhandeln, streiten, was auch immer”, sagt Maher. “Aber unter dem Militärrat überrollen sie uns mit Panzerfahrzeugen.”

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