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Ferschls verdammt gute Zeiten

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20.01.2012

Nürnberg Ferschls verdammt gute Zeiten

“Der Glubb is a Debb”: Der 1. FC Nürnberg feiert 1.000 Bundesligaspiele – Meisterjahr mit Merkel.

Berlin/Nürnberg – Fränkisch ist eine schöne Sprache. Der nordbayrische Dialekt streicht jede Härte aus dem rauen deutschen Klangbild, die Konsonanten fließen vor sich hin. Wer durch die mittelalterlichen Gässchen Nürnbergs flaniert, sollte auf einen Satz achten, der diese Besonderheit unterstreicht und zudem enorm eingängig ist, hört man ihn doch zurzeit an jeder Ecke: “Der Glubb is a Debb!”

Minimalistisch wie nur irgend möglich bringt der Franke das Leiden mit seinem Lieblingsverein auf den Punkt. Im Pokalderby gegen den Erzrivalen Greuther Fürth rausgeflogen, in der Liga knapp vor den Abstiegsplätzen – so richtig Grund zum Feiern hatten die Fans des 1. FC Nürnberg in dieser Saison noch nicht. Macht nichts, dann schwelgen die “Glubberer” eben in besseren Zeiten: Am Samstag bestreitet der FCN sein 1000. Bundesligaspiel, und die Partie gegen Hertha BSC wird dem Anlass entsprechend zelebriert.

Eigentlich hätten auch die Berliner ein bisschen feiern können, haben sie doch ebensoviele Spielzeiten wie Nürnberg in der Bundesliga verbracht. Allerdings nicht zur selben Zeit wie der Club: Als nach der Wiedervereinigung 1991 die Liga kurzzeitig auf 20 Vereine aufgestockt wurde, war Berlin nicht dabei – die Hertha (996 Spiele) darf also erst ein paar Wochen später feiern.

Vor dem Spiel wird in Nürnberg geehrt, was Rang und Namen hat: Ehemalige Aufstiegstrainer, verdiente Spieler und vor allem die erste Bundesligamannschaft, die der Club 1963/1964 aufs Feld führte. Karl-Heinz Ferschl ist einer von denen, die damals dabei waren, als die Mittelfranken für ihre erste Partie in der neugegründeten Bundesliga nach Berlin fuhren.

“Mächtig aufgeregt war ich, als wir ins Olympiastadion eingelaufen sind – man spielt ja nicht jeden Tag vor 60.000 Zuschauern”, sagt der ehemalige Außenläufer. Das Spiel am 24. August 1963 endete 1:1, Nürnbergs wohl legendärster Spieler Max Morlock war an beiden Toren maßgeblich beteiligt: “Erst hat er den Elfmeter gegen uns verursacht, der war ja eigentlich keiner. Dann hat er aber Gottseidank auch noch den Ausgleich erzielt”, erinnert sich Ferschl.

Der 68-Jährige spult die Aufstellung von vor fast 50 Jahren so akkurat herunter, als wäre das Spiel erst gestern gewesen. Kein Wunder, mit den meisten der Spieler war und ist er eng befreundet. “Das war halt noch was anderes damals. Allein acht Mann kamen ja direkt aus Nürnberg, die habe ich schon damals mein halbes Leben gekannt”, sagt “Charly”. 115-mal stand Ferschl für den Club auf dem Platz, am liebsten erinnert er sich an seine letzte Saison.

1968 war das und gleichzeitig das letzte Mal, dass der 1. FCN die Deutsche Meisterschaft gewinnen konnte – ein magisches Jahr für Ferschl und Franken. Der legendäre Max Merkel hatte seine Mannschaft dermaßen gekonnt aufgebaut, dass aus elf Individualisten eine Einheit entstanden war: “Das war unglaublich, wie wir zusammen funktioniert haben. Nur schade, dass danach alles so zerfallen ist”, sagt Ferschl mit Wehmut in der Stimme. Was war passiert?

Die Gier der Verantwortlichen hatte gesiegt, mit Franz Brungs, August Starek und Ferschl verkaufte der Club drei seiner wichtigsten Spieler. “Ich wollte nie gehen: Als mein Vertrag nicht verlängert wurde, war ich wie vor den Kopf gestoßen”, sagt Charly. Für Nürnberg war das der Beginn des Daseins als Fahrstuhlmannschaft – direkt nach der Meisterschaft folgte der Abstieg, sieben Mal hoch und runter ist mittlerweile Rekord – und “Der Glubb is a Debb” wurde zum geflügelten Wort.

Ferschl indes wechselte in die Hauptstadt und hatte dort noch eine “verdammt gute Zeit” – zumindest bis er 1972 in den Strudel des Bundesligaskandals gezogen wurde, 15.000 Mark zahlen musste und für zwei Jahre gesperrt wurde. Zwar folgte später die Begnadigung, aber da hatte sich Ferschl schon längst in die sehnlich vermisste Heimat zurückgezogen. Seine Frau war in seiner Abwesenheit nicht untätig gewesen, hatte ein Haus gebaut und eine Lotto-Filiale in Schwaig an der Pegnitz eröffnet. Ferschl stieg mit ein und brachte es zu bescheidenem Wohlstand. Seinem Heimatverein hat er in all den Jahren nie den Rücken zugekehrt, seit mehr als 40 Jahren geht er zu jedem Heimspiel. Nur im Winter bleibt er manchmal daheim: “Was Kälte angeht, bin ich eher so ein Zieberla” – wehleidig also.

Wenn er am Samstag auf “seinen Rasen” zurückkehrt, wird ihm die Januarkälte wohl nicht so viel ausmachen. Der Stadionsprecher wird mit perfekt gerolltem “R” die Namen der Legenden aufsagen, die Konsonanten werden nur so dahinfließen, und 48.000 Club-Fans dürfen mal wieder ein bisschen träumen von den guten, alten Zeiten.

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