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Fahndung nach Schütze im Ministerium eingeleitet

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26.02.2012

Kabul Fahndung nach Schütze im Ministerium eingeleitet

Mitarbeiter im Innenministerium unter Verdacht – Spirale der Gewalt nach Koranverbrennungen.

Kabul – Nach dem tödlichen Angriff auf zwei US-Berater im afghanischen Innenministerium haben die Behörden nach eigenen Angaben einen Verdächtigen identifiziert. Eine Großfahndung sei eingeleitet worden, um den mutmaßlichen Täter aufzuspüren, hieß es am Sonntag. Angesichts der anhaltenden Proteste nach den Koranverbrennungen auf einem US-Stützpunkt rief der afghanische Präsident Hamid Karsai abermals zur Ruhe auf. Ungeachtet dessen hielt die Gewalt den sechsten Tag in Folge an: In der nördlichen Provinz Kundus wurden nach Behördenangaben am Sonntag zwei Demonstranten bei gewaltsamen Protesten getötet.

Am Vortag hatte die Gewaltwelle eines der am schwersten gesicherten Gebäude der Hauptstadt Kabul erreicht: Bei einem Zwischenfall im Innenministerium wurden zwei US-Berater erschossen. Ein Sprecher der Taliban, Sabjullah Mudschahid, sagte, ein Aufständischer habe sie als aus Rache für die Koranverbrennungen getötet. Bei dem Täter handele es sich um einen Aufständischen namens Abdul Rahman. Er sei von einem Helfer im Ministerium auf das streng gesicherte Gelände geschleust worden, sagte er.

Aus afghanischen Regierungskreisen verlautete zunächst, an der Tat seien keine Afghanen beteiligt gewesen. Der Zwischenfall habe in einem gesicherten Raum stattgefunden, zu dem afghanisches Personal keinen Zugang gehabt habe, sagte einer von zwei Gewährsleuten. Am Sonntag hingegen teilte das Innenministerium in einer Stellungnahme mit, dass es sich bei dem gesuchten Verdächtigen um einen Mitarbeiter handele. „Die Polizei hat die Verfolgung aufgenommen. Er ist auf der Flucht“, hieß es weiter.

Zuvor hatte die Internationale Schutztruppe (ISAF) betont, der Täter sei nicht westlicher Herkunft. Zwei westliche Gewährsleute sagten der Nachrichtenagentur AP, die beiden US-Berater – ein Oberstleutnant und ein Major – seien mit Schüssen in den Hinterkopf getötet worden. Der afghanische Verteidigungsminister Abdul Rahim Wardak habe US-Verteidigungsminister Leon Panetta telefonisch kondoliert, teilte Pentagon-Sprecher George Little mit.

Die USA verurteilten die Tat „in der schärfsten möglichen Weise“, fügte Little hinzu. Wardak habe angedeutet, dass Präsident Hamid Karsai einen Rat ranghöchster Repräsentanten aus Politik, Justiz und Religion einberufe, um Maßnahmen zum Schutz der Koalitionstruppen zu erörtern.

Der amerikanische Kommandeur der NATO- und US-Truppen, General John Allen, rief alle NATO-Mitarbeiter aus afghanischen Regierungsstellen zurück. Dies sei eine Schutzmaßnahme erklärte er. Gleichwohl betonten NATO-Vertreter, der Schritt werde die Zusammenarbeit mit Afghanistan nicht in Mitleidenschaft ziehen. „Wir gehen weiter voran und stehen in dieser Kampagne zu unseren afghanischen Partnern. Wir werden nicht zulassen, dass das unser Bündnis spaltet“, sagte Oberstleutnant Jimmie Cummings. Auch Großbritannien zog vorübergehend alle seine „zivilen Mentoren und Berater“ aus Kabuler Institutionen ab, wie eine Sprecherin der britischen Botschaft, Catherine Arnold, mitteilte. Man werde die Lage weiter beobachten.

Auch am sechsten Tage in Folge wurde gegen die jüngste Verbrennung von Ausgaben des Korans auf dem US-Stützpunkt Bagram protestiert. In der Nordprovinz Kundus, wo deutsche Soldaten stationiert sind, wurden am Sonntag mindestens zwei Demonstranten getötet. Die Proteste seien in Gewalt umgeschlagen, als Demonstranten die größte Stadt im Bezirk Iman Sahib betreten wollten, sagte ein örtlicher Verwaltungsmitarbeiter. Die Menschen aus der Menge hätten das Feuer auf die Polizei eröffnet und einen nahegelegenen US-Stützpunkt mit Granaten beworfen. Seit Beginn der Proteste am Dienstag wurden nach offiziellen Angaben mindestens 30 Menschen getötet. Hunderte wurden verletzt.

Am Samstag hatte die Polizei in Kundus nach Angaben eines Sprechers in die Luft gefeuert, um gewalttätige Demonstranten auseinander zu treiben. Nach zunächst friedlichem Protest attackierte die Menge Gebäude der Provinzregierung und ein UN-Büro mit Steinen. Die UN bestätigten den Angriff. Der Leiter des Gesundheitsamtes in Kundus, Saad Muchtar, sagte mindestens drei Menschen seien getötet und 50 weitere verletzt worden. Auch in der Ostprovinz Laghman und in der Provinz Logar südlich von Kabul kam es zu Unruhen. Bei der Explosion einer am Straßenrand versteckten Bombe wurden laut Verteidigungsministerium sechs Soldaten getötet.

Die Proteste begannen, nachdem US-Soldaten auf dem Stützpunkt Bagram Exemplare des Korans verbrannt hatten, was als Gotteslästerung gilt. Nach Angaben der NATO waren die Korane am 19. Februar versehentlich zu einer Grube zur Müllverbrennung gebracht worden. US-Präsident Barack Obama bat um Entschuldigung und sprach von einem schrecklichen Fehler.

In einer live im Fernsehen übertragenen Rede rief der afghanische Präsident Hamid Karsai seine Landsleute am Sonntag erneut auf, zur Ruhe zurückzukehren. „Unseren Feinden“ dürfe keine Gelegenheit gegeben werden, die Situation auszunutzen. Er erinnerte die Afghanen daran, dass zu den Koranverbrennungen Ermittlungen eingeleitet worden seien und forderte sie auf, das Ergebnis dieser Untersuchungen abzuwarten.

Am Samstag trafen die Leichen zweier getöteter US-Soldaten auf dem Luftwaffenstützpunkt Dover ein. Die Militärpolizisten waren bei gewalttätigen Protesten gegen die Koranverbrennungen ums Leben gekommen. Ihre Särge wurden nach einer Trauerzeremonie in ein Militärleichenhaus gebracht.

Überschattet von den Unruhen wegen der Koranverbrennungen übernahm General Erich Pfeffer am Sonntag das Kommando über die im Norden stationierten rund 13.000 Soldaten der ISAF-Schutztruppe. Er folgt damit auf General Markus Kneip. Dieser wäre im Mai vergangenen Jahres bei einem Selbstmordanschlag beinahe ums Leben gekommen. Nach seiner Genesung hatte Kneip wieder seinen Posten als Kommandeur des Regionalkommandos Nord in Afghanistan übernommen.

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