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Die Sprache der Generation Multikulti

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27.01.2012

Sprache Die Sprache der Generation Multikulti

“Kiezdeutsch” breitet sich in Städten aus – Potsdamer Sprachwissenschaftlerin widmet ihm ein Buch.

Berlin – Sharon Wendzich ist 18 Jahre alt und bestimmt nicht auf den Mund gefallen, aber eines Tages blieb sie einfach nur sprachlos auf der Straße stehen. Sie redete gerade mit ihren Freunden, als ein älteres Ehepaar auf sie zukam und einer der beiden Senioren fragte: “Wie sprecht ihr Jugendlichen eigentlich heutzutage?” Viele Monate ist das schon her und nun sitzt Sharon in der Bibliothek der Carl-von-Ossietzky-Schule in Berlin-Kreuzberg und erzählt diese Anekdote, während neben ihr die Sprachwissenschaftlerin Heike Wiese ein Bein über das andere schlägt und verständnisvoll nickt.

Seit den 90er Jahren erforscht Wiese “Kiezdeutsch” – den Slang der Jugendlichen in den Multikulti-Vierteln deutscher Städte. Arabisch klingende Worte wie “yallah” (“Auf geht’s!”) gehören in diesen Gegenden zum Wortschatz selbst deutschstämmiger Jugendlicher. Und der Satz “Gestern war ich Schule” wird allgemein als richtig anerkannt. Am 16. Februar bringt Wiese ihr Buch “Kiezdeutsch. Ein neuer Dialekt entsteht” auf den Markt, um einer breiten Öffentlichkeit den Jargon der jungen Generation zu erklären.

Wiese stellt sich auf erboste Reaktionen ein – denn der Jugendslang ist ein hochemotionales Thema. Immer, wenn über ihr Thema etwas in den Medien erscheint, häufen sich Beschimpfungen von Kritikern, die die Reinheit der Sprache gefährdet sehen. Einmal habe jemand gar gedroht, ihre beiden kleinen Töchter zu vergewaltigen, erzählt Wiese und wirkt dabei erschreckenderweise fast schon so, als sei das bereits Routine.

Die 46-jährige Professorin der Universität Potsdam macht ihre Arbeit aus Überzeugung. Sie kämpft dafür, dass “Kiezdeutsch” als Dialekt anerkannt wird. Wer Wiese so richtig auf die Palme bringen will, der sagt: “Diese Kiezsprache ist doch falsches, schlechtes Deutsch.” Wiese hingegen ist überzeugt, dass die Sprache aus den sozialen Brennpunkten oftmals logischer ist als Standarddeutsch. Die häufige Verwendung des Wörtchens “so” sei ein Beispiel – es werde benutzt, um die Bedeutung eines Objekts hervorzuheben: “Sind wir so Kino gegangen”.

Wiese ist überzeugt, dass “Kiezdeutsch” sprechende Jugendliche von einem Moment auf den anderen zur formalen Sprache umschalten können. “Niemand spricht mit seiner Lehrerin so wie mit Freunden – außer man will die Lehrerin ärgern”, sagt sie.

Doch wie entstand der Slang? Vor allem, indem junge Menschen mit einer breiten Sprachkompetenz in deutschen Städten zusammen kamen, wie Wiese sagt. Es sei dabei vielerorts ein “Multiethnolekt” geboren – also ein Dialekt der sich auf diversen ethnischen Wurzeln gebildet hat. Dominierend seien dabei die türkisch- und arabischsprechenden jungen Leute.

Zu denen gehört etwa Dalia Hibish. Die 15-jährige besucht auch eine Kreuzberger Schule und arbeitet mit in einem Sprachprojekt, das Heike Wiese begleitet. Dalias Familie stammt aus dem Irak und legt beim Sprechen oft den Schalter in ihrem Kopf um. Zu Hause wird oft Arabisch geredet, die meisten Verwandten leben in Australien und sprechen Englisch, im Unterricht wird Deutsch gesprochen und auf dem Schulhof auch mal ein bisschen “Kiezdeutsch”.

Dies zu sprechen mache auch gebildeten Jugendlichen einfach Spaß, sagt Aichat Wendlandt, die in Madagaskar geboren wurde. Weder Sharon, noch Dalia oder Aichat, die alle das Abitur anstreben, sprechen tatsächlich “Kiezdeutsch”. Es ist aber nun mal der meist vorherrschende Slang in ihrer Umgebung und manchmal rutsche man dort hinein, sagen alle drei.

Auch Sharon, die keinerlei Wurzeln im Ausland hat, ist mit dem Multikulti-Slang vertraut und erzählt, wie sie einmal versehentlich in einer Schularbeit in den Jargon rutschte. Ihre Lehrerin habe dann daneben geschrieben: “Was willst du mir damit sagen?”. Aber so etwas passiere wohl jedem, der wie sie seit acht Jahren eine Kreuzberger Schule besucht, sagt Sharon.

(Heike Wiese: Kiezdeutsch. Ein neuer Dialekt entsteht, Verlag C. H. Beck, München; erscheint am 16. Februar)

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