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Die größte Aufgabe ihres Lebens

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03.05.2012

Die Timoschenkos Die größte Aufgabe ihres Lebens

Julia und Jewgenija Timoschenko kämpfen Seite an Seite.

Kiew – Große, dunkle Augen, identische Wangenpartien und neuerdings auch die gleiche blonde Haarfarbe: Für viele, die Jewgenija Timoschenko, Tochter der seit neun Monaten inhaftierten und schwer erkrankten ukrainischen Oppositionsführerin, Julia Timoschenko, sehen, erscheint die 32-Jährige wie eine Kopie der Mutter.

Doch wer beide Timoschenkos kennt, trifft auf eine junge Frau, die über Nacht in die Aufmerksamkeit der internationalen Öffentlichkeit geraten ist. Jewgenija Timoschenko führte bis zur Verurteilung ihrer Mutter im vergangenen Herbst ein abgeschottetes, privilegiertes Leben in London und in Kiew. Während ihre 51-jährige Mutter als Vollblutpolitikerin und geborenes Alphatier stets die Medien suchte, scheint die Tochter sich bei ihren Auftritten bis heute nicht recht wohlzufühlen. Immer ist ein Misstrauen zu spüren, als frage sie: „Wollen die mich in die Pfanne hauen oder sind sie tatsächlich an Informationen meiner Mutter interessiert?“

Jewgenija kennt die Macht der Medien. Als zwischen August 2000 und März 2001, Vater Alexander, Großvater Gennadi und Mutter Julia wegen angeblicher Steuerhinterziehung in U-Haft saßen, durchlebte sie in London ihre schwersten Tage. Mutter Julia hatte 1993 dafür gesorgt, dass ihr einziges Kind eine internationale Schul- und Universitätsausbildung bekommt. Auf einem privaten Mädcheninternat und anschließend auf der London School of Economics sollte Jewgenija fit gemacht werden für ein Leben in den Topetagen der Wirtschaft oder der Politik.

Ihre Mutter wuchs in einfachen Verhältnissen auf, vaterlos. Julia Timoschenkos Mutter musste zwei Jobs annehmen, um sich, die Tochter und die Großmutter durchzubringen. Dagegen wuchs Tochter Jewgenija in geradezu behüteten Verhältnissen auf. Vater Alexander war der Sohn eines KP-Funktionärs der mittleren Führungsebene. Jewgenijas Großeltern väterlicherseits hatten zu Sowjetzeiten eine Reihe Privilegien. Großvater Gennadi hat zusammen mit seiner Schwiegertochter Julia seit Ende der 1980er Jahre den Grundstock für den späteren, märchenhaften Reichtum der Timoschenkos gelegt. Mitte der 1990er Jahre leitete die heutige Oppositionsführerin den Energiekonzern United Energie Systems Ukraine (UESU), der zeitweisen einen Jahresumsatz von elf Milliarden Dollar machte.

„Ich war damals 364 Tage im Jahr auf Businesstour“, sagte Julia Timoschenko einmal nicht ohne Stolz. Tochter Jewgenija wurde derweil in London erzogen. In der Familie soll es darüber immer wieder zum Streit gekommen sein. Der Vorwurf an die Mutter: Sie entfremde das Kind, weil es die englische Sprache und Kultur erlerne.

Die Jahre im Ausland haben Jewgenija ohne Zweifel geprägt, dennoch macht sie den Eindruck, als habe sie nie vergessen, woher sie kommt und wohin sie gehört. Ihre vordergründige Unsicherheit gilt der Öffentlichkeit, unter der stillen Oberfläche ist eine sensible, suchende, vielleicht sogar allein gelassene Frau erkennbar.

Ihre Ehe mit Sean Carr, dem fast 15 Jahre älteren Hobbymusiker und Inhaber ein paar Schusterfilialen, ist vor ein paar Monaten geschieden worden. Der tätowierte Heavy-Metal-Fan aus Leeds hatte die junge Timoschenko 2003 während einer Urlaubsreise in einem Club in Scharm El-Scheich kennen gelernt. Als er seine Eroberung das erste Mal in London besuchte, dachte er, sich in der Adresse geirrt zu haben. Im Nobelstadtteil Kensington bewohnte die Studentin ein Stadthaus ganz für sich alleine.

Julia Timoschenko machte nie einen Hehl aus ihrer Abneigung gegen diese Verbindung und lästerte im ukrainischen Fernsehen offen über die mangelnden Ukrainisch- und Russischkenntnisse ihres Schwiegersohns.

Jetzt schweißt die Haft der Mutter die beiden vielleicht enger zusammen als jemals zuvor. Vater Alexander hat in Prag politisches Asyl erhalten und kann seiner Tochter und seiner Ehefrau nur aus der Ferne beistehen. Julia Timoschenko, nicht nur ein Workaholic, sondern auch hochgradig misstrauisch, will sich in ihrer jetzigen Lage nur auf engste Vertraute und internationale Experten verlassen.

Inwiefern die aktuell Aufgabe Jewgenija Timoschenko verändern wird, und ob sie danach irgendwann einmal in die Fußstapfen ihrer Mutter tritt und sich für politische Ämter aufstellen lässt, bleibt abzuwarten. Sie selbst wiederholt immer wieder: „Ich bin nicht wie meine Mutter und ich bin keine Politikerin“ und stellt klar: „Die Verteidigung meiner Mutter ist die Aufgabe meines Lebens.“

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