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Der simulierte Ernstfall für die EM 2012

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27.04.2012

Attentat Der simulierte Ernstfall für die EM 2012

Polizei bereitet sich auf mögliches Attentat bei der EM 2012 vor.

Pulawy – Es ist ein herrlich sonniger Morgen, pünktlich zur EM herrscht perfektes Fußballwetter in Pulawy, einer Kleinstadt nahe Lublin. Dennoch haben sich nur wenige Zuschauer in das nagelneue Stadion verirrt, es herrscht beinahe Stille. Dabei trainiert auf dem Rasen niemand geringeres als die englische Nationalmannschaft. Plötzlich stürmen zwei Männer das Feld. Sie tragen Maschinengewehre und feuern in die Luft. Aus einem Kleinbus stürmen drei weitere Personen das Feld. Gemeinsam zwingen die Angreifer die gesamte Mannschaft in die Kabinengänge. Immer wieder knallen Schüsse durch die Luft, so laut, dass es wehtut. Kaum ist der Pulk im Inneren des Stadions verschwunden, herrscht wieder Ruhe in Pulawy.

Knut Lindenau grinst zufrieden. Der Angriff ist zum Glück nur eine Simulation. Seit drei Wochen schon ist er hier im Verwaltungsbezirk Lublin und hat mit seinen Kollegen aus Hannover, Spanien und Litauen die polnische Polizei auf die kommende Europameisterschaft vorbereitet. Lublin liegt zwischen Warschau und dem ukrainischen Spielort Lwiw, liegt also an der Hauptroute der Fußballfans. Über 600 polnische Polizisten haben an dem von der EU-Kommission geförderten Projekt teilgenommen. 270 von ihnen proben am Freitag den Ernstfall. In den vergangenen Wochen wurde in Übungen bereits ein mit deutschen Fans besetzter Bus entführt, eine Woche später kaperten Terroristen einen Zug voll holländischer Fans. Diesmal trifft es die englische Nationalmannschaft.

Lindenau, ein freundlicher, drahtiger Mann mit silberner Igelfrisur und modischer Brille, steht am Spielfeldrand und scherzt mit den Kollegen aus Spanien. Gerne betont er, wie gut man sich mit den Polen und Spaniern verstehe. In einer so langen und intensiven Zeit sei es „klar, dass man sich da anfreundet“, berichtet Lindenau. Doch die Gäste aus Hannover schauen nicht nur zu an diesem Tag. Sie beobachten das Vorgehen der Sicherheitskräfte, damit sie bei der Auswertung möglichst viel kritisieren können. Die Polen erwarten das so. „Die sind super motiviert und interessiert“, lobt Lindenau die Wissbegierde seiner Kollegen. Insgesamt 600.000 Euro stellte die EU-Kommission für Unterkünfte und Übungen bereit. Das Sonderprogramm „CIPS“ soll den Wissensaustausch zwischen nationalen Sicherheitsbehörden fördern. Die Entsenderländer mussten so lediglich die Delegationen abstellen.

Es dauert kaum eine Stunde, bis neben dem Stadion eine Einsatzzentrale aufgebaut ist. Acht große Zelte, Funkwagen, vier Miettoiletten, Catering für mehr als 300 Menschen sowie weiteres Equipment stehen bereit. Auf der Wiese versammeln sich Rettungskräfte, martialisch gekleidete Spezialeinheiten, hochrangige Beamte sowie Polizisten, deren Jacken sie als ‚Verhandler‘ ausweisen. Die Geiselnehmer brüllen aus dem Gebäude: „Wir werden alle töten!“ Daraufhin lassen sich zwei Verhandlungsexperten von Spezialeinheiten zum Stadioneingang eskortieren. Per Megafon bieten sie den Geiselnehmern ein Gespräch über Handy an. Die Attentäter nehmen an. Die deutschen Beobachter notieren sich, dass eine Verhandlerin Schuhe mit hohen Absätzen trägt und im Ernstfall schlecht wegrennen könnte. Die ganze Delegation muss schmunzeln.

Für die Sicherheitskräfte und die Medienvertreter beginnt der zähe Verhandlungsmarathon, die Sonne brennt und die Stunden verrinnen nur langsam. Die Attentäter fordern 40 Millionen Euro für die Freilassung der englischen Fußballspieler, insgesamt haben sie 20 Geiseln. Für Gegenleistungen wie Wasser und Zigaretten schaffen es die Verhandler sechs Geiseln freizubekommen. Doch die Angreifer drohen mit einer chemischen Bombe, die sie mit dem Chlor aus dem Stadionschwimmbad gebaut haben wollen. Eine Eskalation droht.

Nach über vier Stunden trifft die Präsidentin der Woidwodschaft Lublin, Jolanta Szolno-Koguc, ein. Das Finale beginnt: Dutzende Spezialeinsatzkräfte schleichen sich an das Gebäude. Sie sind maskiert und schwer bewaffnet. Dann geht alles ganz schnell: Der Hintereingang wird gestürmt, die Geiseln werden langsam hinaus begleitet. Die fünf Angreifer sind verhaftet, einer wurde verletzt. Der Einsatz ist beendet.

Lindenau und seine Kollegen können jetzt zurück in ihr Hotel und für die Heimfahrt packen. Der Polizeidirektor aus Hannover verlässt das Nachbarland mit einem guten Gefühl. „Die polnische Polizei ist sehr gut vorbereitet auf die kommende Europameisterschaft“, sagt er. Dann verschwindet er für gemeinsame Erinnerungsfotos mit den Kollegen aus Polen und Spanien.

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