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Der Freiheitsprediger im Schloss Bellevue

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15.03.2012

Joachim Gauck Der Freiheitsprediger im Schloss Bellevue

Joachim Gauck muss sich nun im höchsten Amt bewähren.

Berlin – Zum letzten Mal war er „Bürger Gauck“. Der scheidende Vorsitzende des Vereins Gegen Vergessen – Für Demokratie forderte am Donnerstag in Berlin dazu auf, im Kampf gegen Neonazis neue Wege zu gehen und auch die Leute anzusprechen, „die bei Kranzniederlegungen fehlen“.

Er setze dabei auf ein Bündnis des Staates mit der „wachen Bürgergesellschaft, die sind wir“ und mit hilfreichen Verbänden etwa aus dem Sport. „Wir schenken denen nicht unsere Angst. Wir konfrontieren die mit unserem Mut“, rief Gauck in den Saal. „Wir dürfen nicht zittern wie Espenlaub.“ Neben ihm saß Sven Felski, der legendäre Eishockeyspieler der Berliner Eisbären, und nickte.

Die Bundesversammlung wird Joachim Gauck am kommenden Sonntag (18. März) zum neuen Staatsoberhaupt wählen. Mit dem streitbaren Theologen und früheren Leiter der Stasi-Unterlagenbehörde zieht ein Mann ins Schloss Bellevue, der dem Anforderungsprofil an einen Bundespräsidenten nahezu perfekt entspricht. Der selbstbewusste 72-Jährige ist ein glänzender Rhetoriker. Nun muss er als Vorbild der Republik allerdings immer das Richtige sagen.

Politisch auf die Rolle des Staatsnotars und des obersten Repräsentanten reduziert, liegt die eigentliche Einflussmöglichkeit des Bundespräsidenten in der Macht des Wortes. Roman Herzogs „Ruck-Rede“ ist in Erinnerung, vom zurückgetretenen Christian Wulff wird der Satz bleiben, dass der Islam inzwischen auch zu Deutschland gehört. Der Freiheitsprediger Gauck könnte – eingezwängt in seine neue staatstragende Rolle – ein unberechenbarer Präsident werden, der für Irritationen sorgt. Angeblich soll dies auch einer der Gründe dafür gewesen sein, warum Bundeskanzlerin Angelas Merkel ihn eigentlich nicht im höchsten Amt sehen wollte.

Gaucks Lebensthema ist die „Freiheit in Verantwortung“, beeinflusst vom Lebensphilosophen Helmuth Plessner (1892-1985) und dessen These der „exzentrischen Positionalität“ des Menschen. „In unserer Verantwortungsfähigkeit steckt ein Versprechen, das dem Einzelnen wie dieser ganzen Welt gilt: Wir sind nicht zum Scheitern verurteilt“, schreibt Gauck in seinem Essay-Bestseller „Freiheit“. Mit anderen Worten: Wir haben immer eine Wahl.

„Ich bin ein linker, liberaler Konservativer“, sagt Gauck über sich selbst. Das einschneidende Erlebnis der stalinistischen Verfolgung seines Vaters, der 1951 als angeblicher Spion für vier Jahre nach Sibirien verschleppt wurde, hat ihn zugleich zum überzeugten Antikommunisten gemacht. Erst die Freiheit verleihe einer Gesellschaft „Kultur, Substanz und Inhalt“. Artikel eins des Grundgesetzes heiße eben nicht „Die Besitzstandswahrung ist unantastbar“.

Diese optimistische Freiheitsphilosophie zieht sich wie ein roter Faden durch seine Argumentation, etwa wenn Gauck die Kritiker des Kapitalismus als „blind“ und ideologisch“ bezeichnet. Die Macht der entfesselten Finanzmärkte beunruhigt ihn weniger. Auch für die Bürgerproteste gegen „Stuttgart 21“ fehlt ihm das Verständnis. Die deutsche Neigung zu Hysterie und Angst findet er „abscheulich“.

Manche Kritiker halten Gauck daher für altmodisch, für einen Mann des vergangenen Jahrhunderts. Die Kompetenz des künftigen Bundespräsidenten dürfe nicht aus der Beschwörung der Vergangenheit kommen, beschwerte sich kürzlich eine Gruppe früherer DDR-Bürgerrechtler um den Theologen Friedrich Schorlemmer. Vielmehr müsse er „Fragen der Zukunft“ thematisieren.

Dass Gauck seine mutige Tonlage aber auch bei der Bewältigung aktueller Probleme einsetzen kann, bewies er am Donnerstag in Berlin bei der Vorstellung zweier neuer Internetportale gegen Diskriminierung und für Zivilcourage im Sport. Er wolle auch im Schloß Bellevue den Kampf gegen Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus und Rechtsextremismus fortsetzen: „Ein Bundespräsident, der ist für die Guten“, konstatierte Gauck knackig. Eishockey-Legende Felski hörte es mit Wohlgefallen.

Bei aller argumentativen Härte, bei allem Pathos: Gauck kann im Gegensatz zu Wulff, der seine Person sprachlich in „man“-Konstruktionen zu verstecken pflegte, laut und deutlich „Ich“ sagen. Er hat Humor, ist integer und bei den Bürgern beliebt, steht über den Parteien und genießt den Respekt einer breiten politischen Mehrheit.

Das wird ihm helfen, denn seit dem Rücktritt von Horst Köhler gehört zur Stellenbeschreibung des Staatsoberhauptes auch ein dickes Fell. Das höchste Amt und sein Inhaber dürfen seitdem ebenso hemmungslos kritisiert werden wie alle anderen Politiker. Das hat auch Wulff erleben müssen. Zugleich sind die Mittel der Gegenwehr begrenzt. Das Staatsoberhaupt darf nicht selbst in die tagespolitische Arena steigen.

Dass Gauck hart im Nehmen ist, zeigt seine Biografie. Im Kriegsjahr 1940 als Kapitänssohn in Rostock geboren wollte er in der DDR eigentlich Journalist werden, erhielt aber keinen Studienplatz für Germanistik. Kein Wunder, hatte er sich doch den Jungen Pionieren ebenso verweigert wie der „Freien Deutschen Jugend“. Also studierte er nach dem Abitur evangelische Theologie und wurde Pfarrer.

Im Wendejahr 1989 engagierte sich Gauck im Neuen Forum. Dort kümmerte er sich um die Aufdeckung des Überwachungsapparates der DDR. Dieses Aufgabenfeld sollte Gauck in den folgenden elf Jahren nicht mehr loslassen. Das Amt des „Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR“ übte er überaus streitbar aus. Konflikten geht der Intellektuelle nicht aus dem Weg.

Bei seinem Abschied als Chef der Stasiunterlagenbehörde sagte Gauck, Bundespräsident wolle er nicht werden. Ein Mecklenburger wisse um seine eigenen Grenzen. Nun wird er es doch. Sein Essay „Freiheit“ beginnt mit den Worten. „Ich bin in diesem Land viel unterwegs, und nicht selten beschleicht mich das Gefühl, einer gewissen Minderheit anzugehören. Nicht etwa, weil ich aus Mecklenburg-Vorpommern komme.“ Nein, weil Freiheit für ihn „das Allerwichtigste“ sei. Als Staatsoberhaupt wird Joachim Gauck nun für alle Deutschen sprechen müssen.

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