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Das Schreckensszenario von Krailling

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17.01.2012

Prozesse Das Schreckensszenario von Krailling

Auftakt im Prozess um den Doppelmord an Sharon und Chiara.

München – Thomas S. bleibt angesichts der Grausamkeiten, die im vorgeworfen werden, völlig ungerührt. Während Staatsanwalt Florian Gliwitzky am Dienstag vor dem Landgericht München die Anklageschrift verliest, derzufolge S. der Mörder der beiden Kraillinger Mädchen Sharon und Chiara ist, fixiert ihn der Angeklagte immer wieder ohne irgendeine sichtbare Regung. Nach Auffassung der Staatsanwaltschaft hat der 51-Jährige im März des vergangenen Jahres seine beiden acht und elf Jahre alten Nichten aus Habgier getötet.

Während Gliwitzky den mutmaßlichen Tathergang schildert, ringen sogar einige der im Schwurgerichtssaal anwesenden Polizistinnen um Fassung; Zuschauer schütteln verzweifelt den Kopf, als sie hören, wie brutal der ehemalige Postzusteller auf die Mädchen losgegangen sein soll.

Der Angeklagte will vorerst nicht aussagen. “Mein Mandant wird sich zunächst weder zur Person noch zur Sache äußern”, erklärte sein Verteidiger Adam Ahmed. Das Gericht muss sich also zunächst durch die Einschätzung eines psychiatrischen Sachverständigen ein Bild vom Angeklagten machen. Der Mediziner schildert S. als “unauffällig und kooperativ”. Seine Kindheit sei normal verlaufen, und auch als Erwachsener habe der Vater von vier Kindern weder privat noch beruflich größere Probleme gehabt. Seine Frau allerdings habe sich mit ihrer Schwester, der Mutter der Kinder, schlecht verstanden.

Im Anschluss an die Ausführungen des Mediziners zeigt eine Beamtin der Spurensicherung Bilder des Tatorts, der Kraillinger Wohnung, in der Sharon und Chiara gemeinsam mit ihrer Mutter lebten. Es war eine bunte und freundliche Welt: Kinderjacken an der Garderobe, in hellen Farben gestrichene Wände mit bunten Zeichnungen, Kinderspielzeug.

In diese Welt brach der Angeklagte in der Nacht zum 24. März ein. Kurz nach Mitternacht betrat S. laut Gliwitzky die Wohnung – ausgestattet mit einer Hantelstange und einem Seil. Er überraschte Sharon und ihre kleine Schwester im Schlaf.

Zunächst habe er versucht, Chiara in ihrem Bett zu erdrosseln. Währenddessen sei Sharon aufgewacht und in die Küche geflüchtet. S. folgte ihr laut Anklage und ging zunächst mit der Hantelstange auf das Mädchen los, das sich heftig wehrte. Nachdem es Sharon gelungen sei, den Schlägen auszuweichen und S. an der Nase zu verletzen, habe dieser zu einem Küchenmesser gegriffen. Damit habe er auf Sharon eingestochen und sie fünfmal in die Brust getroffen. Das Mädchen verblutete.

Während der Attacke auf ihre Schwester versuchte die verletzte Chiara “in Todesangst”, wie es in der Anklage heißt, die Tür zu ihrem Kinderzimmer von innen zuzudrücken. Dem 51-Jährigen sei jedoch gelungen, in das Zimmer einzudringen. Dort habe er dem Mädchen mit der Hantelstange den Schädel zertrümmert und mindestens elf Mal auf den Oberkörper des Kindes eingestochen. Danach legte er das brutal zugerichtete Mädchen auf das Bett ihrer Mutter, wo Chiara starb.

Bei genauerer Betrachtung zeigen die Bilder der Kriminalbeamten auch Spuren dieser Grausamkeit: blutige Fußabdrücke, Blutspritzer an den Wänden. Im Schlafzimmer der Mutter sieht man an der weißen Wand einen blutigen Handabdruck, das Bett ist blutbefleckt. Die Hantelstange liegt auf der Küchenablage unweit des Messers.

Dieses Schreckensszenario hat S. nach Ansicht von Gliwizky angerichtet, weil er sich in finanziellen Schwierigkeiten befand: Die Zwangsversteigerung des noch nicht ganz fertig gebauten Hauses im oberbayerischen Peißenberg habe gedroht. Der Angeklagte habe seine Schwägerin und ihre Kinder töten wollen, um seine Frau zur Alleinerbin des Familienerbes zu machen. Alles sollte aussehen wie ein “erweiterter Selbstmord”. Doch seine Schwägerin kam in der Tatnacht später nach Hause, als S. erwartet hatte. Daher sah er von seinem ursprünglich Plan ab, auch sie zu töten.

Der Verteidiger hat Zweifel an der Darstellung der Staatsanwaltschaft. Das Motiv sei “nicht wirklich verständlich”. In der Anklageschrift seien “Widersprüche vorhanden”, sagte Ahmed bereits im Vorfeld des Prozesses.

Eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft zeigte sich dagegen am Rande der Verhandlung zuversichtlich, “dass aufgrund der Spurenlage der Tatnachweis zu erbringen sein wird”. DNS-Spuren am Tatort und den Tatwerkzeugen verwiesen auf S. als mutmaßlichen Täter.

Zunächst werden in dem Prozess, der von großem Medieninteresse begleitet wird, weitere Polizeibeamte und Ersthelfer aussagen. Für 30. Januar ist die Zeugenaussage der Mutter der Mädchen vorgesehen, die in dem Prozess auch Nebenklägerin ist.

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