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Der leise Abschied der Annette Schavan

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14.02.2013

Bundesregierung Der leise Abschied der Annette Schavan

Ehemalige Bildungsministerin erhält ihre Entlassungsurkunde.

Berlin – Die CDU-Bundestagsabgeordnete Annette Schavan geht eilig die Stufen vor dem Schloss Bellevue hinunter. Um kurz nach elf Uhr am Donnerstag ist sie keine Bundesbildungsministerin mehr, sie hat gerade aus den Händen von Bundespräsident Joachim Gauck ihre Entlassungsurkunde erhalten. Ihren Posten bekleidet nun ihre Parteifreundin Johanna Wanka. Es ist für Schavan das vorläufige politische Aus nach einer langen Karriere im Zentrum der Macht.

Im Großen Saal des Schlosses öffnen sich am Donnerstagmorgen die Türen für den Bundespräsidenten und Kanzlerin Angela Merkel (CDU), dahinter folgen Schavan und Wanka. Die drei Damen rahmen Gauck ein, der zunächst Schavan die Entlassungsurkunde überreicht und dabei herzliche Worte findet. Er würdigt sie für „dem deutschen Volke geleistete treue Dienste“. Gauck hebt die „hohe Achtung“ hervor, welche die 57-Jährige in der politischen und fachlichen Welt genieße. Schavan habe mit ihrer „bescheidenen und souveränen Art Weichen gestellt“. Viele bedauerten, „dass die Bildungspolitik nicht mehr in ihren Händen liegt“. Starke Worte bei der Entlassung einer Ministerin.

Wenn man bei diesem Zeremoniell die Kanzlerin im Auge behält, so wird sehr deutlich, wie schwer ihr der Abschied von ihrem Kabinettsmitglied fällt. Merkel schluckt mehrmals, sie verzieht die Miene nicht mal ansatzweise zu einem Lächeln.

Schavan, in schwarzem Hosenanzug, die Haare in einer Tolle streng nach links frisiert, nimmt die Würdigung des Bundespräsidenten mit fast unbewegter Miene auf. Sie wirkt gefasst, so weit es eben geht, wenn man nicht freiwillig aus dem Amt scheidet. Das Lächeln für den Bundespräsidenten, als sie die Urkunde entgegennimmt, ist jedoch ein sehr schmales.

Und auch der neuen Ministerin, die 61-Jährige Johanna Wanka, von Merkel eilig berufen, ist dieses Zeremoniell sichtlich unangenehm. Die ehemalige niedersächsische Wissenschaftsministerin wirkt sympathisch verlegen, so, als ob sie nicht genau wisse, ob sie eine gute Miene machen darf, oder nicht. Als Gauck erwähnt, dass neben ihm und Merkel auch Wanka aus dem Osten Deutschlands stammt, lächelt sie das erste Mal etwas offener. “ Wir drei konnten uns vor vielen Jahren nicht träumen lassen, was uns einmal passieren wird“, sagt der ehemalige Bürgerrechtler zu einer Mitbegründerin des Neuen Forums. Gauck erwähnt, dass Wanka die erste ostdeutsche Ministerin in einem westdeutschen Kabinett war und lobt ihre „geistige Kraft und ihre zupackende Art“.

Es ist eine Menge passiert im Machtgefüge rund um die Kanzlerin mit dem Rücktritt der Bildungsministerin. Merkel verliert eine Freundin, eine Frau, mit der sie schon viele Kämpfe auch innerhalb der CDU gemeinsam durchgestanden hat. Insgesamt 17 Jahre lang war ihre Vertraute Bildungsministerin in Baden-Württemberg und im Bund, jetzt steht sie ohne Doktortitel, ohne Hochschulabschluss und ohne Ministeramt da. Das schmerzt auch persönlich.

Seit neun Monaten musste sich Schavan Plagiatsvorwürfen erwehren, die anonyme Blogger mit Blick auf ihre Doktorarbeit von 1980 aufgelistet hatten. Die Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf prüfte die Vorwürfe. Am Dienstag vergangener Woche entzog die Uni ihr den Doktortitel. Die Ministerin erfuhr davon auf einer Reise in Südafrika und entschloss sich, zurückzutreten. Den Verdacht getäuscht zu haben, weist sie weiter von sich, lediglich „Flüchtigkeitsfehler“ hatte sie eingeräumt.

„Die Vorwürfe treffen mich tief“, hatte sie bei der Pressekonferenz mit Merkel am Samstag im Kanzleramt dann auch gesagt. Die Debatte über ihren Doktortitel überlagerte jedoch schon seit geraumer Zeit ihre politische Arbeit. Schavan wollte mit ihrem Verzicht Schaden vom Amt des Bildungsministers abwenden. Und auch von ihrer Freundin Angela. Im heraufziehenden Wahlkampf wäre ihre Affäre ein Hemmschuh gewesen. Das wusste Schavan: „Wer im öffentlichen Leben steht, wird kritisiert“, sagte sie zwar einst, „und wer Kritik nicht verträgt, der wird nicht lange im öffentlichen Leben bleiben.“ Doch zu viel Kritik in einem Wahljahr, das konnte und wollte sie der Partei nicht zumuten.

Nun wird sie sich als Bundestagsabgeordnete juristisch mit der Uni Düsseldorf um ihren Doktortitel streiten. „Von 1998 bis 2012 war ich stellvertretende Vorsitzende der CDU Deutschlands, von 2005 bis 2013 Bundesministerin für Bildung und Forschung“, heißt es auf ihrer Homepage am Donnerstag schlicht.

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