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Das Paradies steht in Flammen

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20.02.2013

Brasilien Das Paradies steht in Flammen

Mehr als 100 Brandanschläge erschüttern die Region um den brasilianischen Urlaubsort Florianópolis.

Buenos Aires – So stellt sich der Urlauber sein Paradies vor. Weißer Strand, türkisfarbenes Meer – Florianópolis ist einer der bekanntesten Urlaubsorte im Süden Brasiliens und eigentlich eine der sichersten Städte des Landes. Doch nun wird sie von einer unheimlichen Attentatsserie erschüttert, die von Gefängnissen des Bundesstaates aus gesteuert wird.

Seit dem Beginn der Serie am 30. Januar kam es in der Hauptstadt des Bundesstaats Santa Catarina und in 35 umliegenden Orten mindestens 111-mal zu Brandanschlägen. Vor allem auf städtische Linien- und Schulbusse, aber auch auf Fahrzeuge von Behörden und sogar der Militärpolizei.

Zustände in Gefängnissen sind der Auslöser

Zwei der Attentäter wurden nach Angaben der Polizei erschossen, Dutzende wurden festgenommen. Die Regierung entsandte vor wenigen Tagen 350 Soldaten in die Region – doch die nächtlichen und frühmorgendlichen Brandstiftungen setzten sich Anfang der Woche fort. Durch die Anschläge selbst wurde bislang niemand verletzt.

Das ist offenbar auch nicht das Ziel der Täter und ihrer Hintermänner. Die Brände verweisen stattdessen auf eine dunkle Seite der fröhlichen Samba-Nation Brasilien – die von Geistlichen und Menschenrechtsorganisationen beklagten erbärmlichen Zustände in den Gefängnissen, die in systematischer Folter gipfeln. Valdir Silveira, Priester und Leiter der katholischen Gefangenenseelsorge in Brasilien, spricht von einem „wahren Massaker in unseren Gefängnissen“.

Nach Polizeiangaben protestieren inhaftierte Anführer von Drogenbanden durch die Anschläge gegen ihre Verlegung in Gefängnisse in anderen Bundesstaaten. Anwälten von Gefängnisinsassen zufolge sind sie dagegen eine Antwort auf die Haftbedingungen. Dazu passt, dass die jüngste Welle an Brandstiftungen begann, nachdem das brasilianische Fernsehen Mitte Januar Aufzeichnungen von Misshandlungen gezeigt hatte. Beamte eines Gefängnisses in der Region Santa Catarina hatten mit Gummigeschossen auf augenscheinlich wehrlose Häftlinge gefeuert. Zehn Tage nach Beginn der Anschläge verbreiteten Anwälte Forderungen etwa nach besserer Hygiene und gesundheitlicher Versorgung. Der Gouverneur des Bundesstaats erwiderte, er lasse sich nicht erpressen.

Armut wird kriminalisiert

Die Zahl der Verhaftungen vor allem von jungen Menschen aus ärmeren Bevölkerungsschichten sei im vergangenen abermals hochgeschnellt, sagt Gefängnisseelsorger Silveira. „Wenn die Menschen nicht vor der Ankunft im Gefängnis sterben, landen sie mit 40 bis 50 anderen in Zellen, die für acht Häftlinge geplant sind.“ Folter und Misshandlungen bei Verhaftungen und in den Gefängnissen seien die Regel. Es gebe eine „Kriminalisierung der Armut“. Zugleich müssten Seelsorger, die auf die Missstände aufmerksam machen, mit Schikanen durch Behörden rechnen und seien selbst in Gefahr, aufgrund ihres Engagements verhaftet zu werden.

Organisiert werden die jüngsten Anschläge wie schon zuvor eine Welle von Brandstiftungen im vergangenen November von einer als PGC, dem „Ersten Kommando in Santa Catarina“, bekannten Gruppe von Häftlingen. Sie orientiert sich an der berüchtigten Organisation PCC, dem „Ersten Kommando der Hauptstadt“ in Brasiliens Wirtschaftsmetropole Sao Paulo. Als Häftlingsorganisation gestartet, kontrolliert das Kommando PCC inzwischen von Gefängnissen aus weite Teile der organisierten Kriminalität in Sao Paulo, vor allem in den Favelas, den Elendsvierteln. Mit Anschlagswellen wie nun in Santa Catarina demonstrieren diese Organisationen immer wieder ihre Macht. Die Brandstiftungen beginnen ohne vorherige Ankündigung, und verteilen sich ohne ein klares Muster über weite Gegenden. Nach wenigen Tagen oder Wochen reißen sie dann ebenso unvermittelt wieder ab.

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