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Berlinale Wer gewinnt den Goldenen Bären?

Kurz vor der Preisverleihung wird wieder heftig spekuliert.

Berlin – Es gehört zu den lieb gewonnen Traditionen auf der Berlinale: Kurz vor der Preisverleihung spekulieren Kritiker wie Zuschauer, welcher Film am Samstag den Goldenen Bären gewinnen könnte. Das Rennen scheint in diesem Jahr offen, einen eindeutigen Favoriten gibt es bei den 63. Internationalen Filmfestspielen nicht. Überhaupt wurde ziemlich viel Kritik an der aktuellen Ausgabe des Wettbewerbs laut. Auch der deutsche Beitrag „Gold“ kam nicht gut an. An dem iranischen Film „Pardé (Closed Curtain)“ dürfte die Jury dagegen bei der Bären-Vergabe nicht vorbeikommen. Den Film des im Iran verurteilten Regisseurs Jafar Panahi in Berlin als Weltpremiere zeigen zu können, war durchaus ein kleiner Coup für die Berlinale.

So wäre es überraschend, wenn Panahis Drama keinen Bären gewänne: Denn der Film, den es eigentlich wegen des Berufsverbots Panahis gar nicht geben dürfte, thematisiert eben dessen Freiheitsverlust. Panahi war 2010 zu sechs Jahren Haft und 20 Jahren Berufsverbot verurteilt worden – wegen einer Idee für einen Film, offiziell wegen „Propaganda gegen das System“. Die iranische Regierung ließ den Regisseur ungeachtet aller Appelle, auch der Bundesregierung, nicht zur Weltpremiere nach Berlin reisen. Vorgestellt wurde das Werk dort von Co-Regisseur Kamboziya Partovi und Schauspielerin Maryam Moghadam.

Der Film hat nicht nur wegen der politischen Sprengkraft gute Aussichten im Bären-Wettbewerb, sondern auch wegen der kunstvollen Verflechtung von Traum, Vision und Realität. In der filmischen Parabel prangern Panahi und Co-Regisseur Partovi, die beide auch selbst mitspielen, erstaunlich offen und mutig das autoritäre Regime an.

Erster kasachischer Wettbewerbsbeitrag mit Bären-Chancen

Chancen dürfte auch der kasachische Film „Harmony Lessons“ von Emir Baigazin haben. Mit ihm hat die Berlinale erstmals einen Film aus Kasachstan im Wettbewerb gezeigt. Erzählt wird nicht nur die Geschichte eines 13-jährigen Jungen, der von seinen Mitschülern gemobbt wird, sondern auch, wie in kasachischen Gefängnissen sogar Jugendliche gefoltert werden. Die 110-minütige Sozialstudie wird zum Krimi, als ein Junge getötet und der Mörder gesucht wird. Um den Täter zu stellen, werden die Jugendlichen von Vertretern des Staats geschlagen, an ihren Händen aufgehängt oder bekommen Stromstöße verabreicht.

Für Aufsehen sorgte der bosnische Film „An Episode in the Life of an Iron Picker“ über die Diskriminierung einer Roma-Familie. Der oscar-prämierte Regisseur Danis Tanovic schildert darin das Schicksal einer Roma-Frau (Senada Alimanovic), der wegen fehlender Krankenversicherung die lebensnotwendige Behandlung versagt wird. Die auf Tatsachen basierende Geschichte wird von den Betroffenen selbst gespielt. Das Budget für den Film betrug nur 17.000 Euro. Recht beeindruckend war auch das polnische Drama „In the Name of“ über einen versteckt homosexuellen katholischen Priester.

Einen starken Eindruck hinterließ der rumänische Film „Child’s Pose“. Der Film von Regisseur Calin Peter Netzer spielt in der rumänischen Oberschicht: Der Sohn einer wohlhabenden Familie überfährt einen Jungen, der dabei getötet wird. Seine resolute Mutter (Luminita Gheorghiu) versucht mit allen Mitteln und ihren guten Beziehungen, ihren geliebten Sohn vor dem Gefängnis zu bewahren. Gheorghiu spielt diese Mutter und ihre Affenliebe mit einer großen Kraft und Ausstrahlung.

Überhaupt gab es viele starke Frauenfiguren im Wettbewerb. Auch Schauspielerin Paulina García lieferte als „Gloria“ eine reife Leistung ab. Der chilenisch-spanische Beitrag kam bei den Zuschauern sehr gut an: Die Tragikomödie schildert die Geschichte der 58 Jahre alten und geschiedenen Gloria, deren Kinder aus dem Haus sind, und die sich nun auf Single-Partys austobt – bis sie den sieben Jahre älteren Marineoffizier Rodolfo kennenlernt. Weitermachen, auch wenn das Leben es nicht immer gut meint, das schildert der Film.

Der einzige deutsche Beitrag, das Western-Drama „Gold“ von Thomas Arslan, fiel bei der Kritik dagegen mehrheitlich durch. Auch Hauptdarstellerin Nina Hoss, 2007 für „Yella“ mit dem Silbernen Bären als beste Schauspielerin ausgezeichnet, dürfte in diesem Jahr leer ausgehen.

Camille Claudel enttäuschte

Enttäuscht hatte auch der französische Beitrag „Camille Claudel 1915“ mit Juliette Binoche in der Hauptrolle. Der Film feiert die Aktrice in nicht enden wollenden Einstellungen, ohne dass eine Handlung groß vorangetrieben würde. Eher mäßig kam auch der dritte Teil der „Paradies“-Trilogie des Österreichers Ulrich Seidl, „Paradies: Hoffnung“, an. Das gilt auch für die prominent besetzen Produktionen „Promised Land“ mit Matt Damon sowie „Side Effects“ von Steven Soderbergh mit Jude Law und Rooney Mara, auch wenn letztere eine beeindruckende Darstellung bietet. Reichlich Stars waren auch in diesem Jahr wieder zu Gast auf der Berlinale, darunter Oscar-Preisträger Jeremy Irons, Anne Hathaway, Hugh Jackman und Isabelle Huppert.

Insgesamt muss die Jury, der Regisseur Wong Kar Wai vorsitzt, 19 Filme bewerten. In den vergangenen Jahren hatten die Juroren durchaus immer wieder für Überraschungen gesorgt: So 2012 mit dem Goldenen Bären für das italienische Doku-Drama „Cäsar muss sterben“ der Regie-Brüder Paolo und Vittorio Taviani. Auch in diesem Jahr bleibt es spannend bis zum Schluss.

15.02.2013 © dapd / newsburger.de

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