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Auch Russland hat falsche Doktoren

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08.02.2013

Plagiats-Affäre Auch Russland hat falsche Doktoren

Trend kommt aus Deutschland – Quellen existierten oft nicht.

Moskau – Dass sich Andrej Andrijanow politische Verdienste erworben hat, ist zumindest aus Sicht des russischen Präsidenten wohl unbestritten. Bei der Präsidentschaftswahl im vergangenen Mai zählte er zu den Vertrauensleuten Wladimir Putins. Er gilt obendrein als angesehenes Mitglied der von Putin gegründeten „Volksfront“.

Ob Andrijanow freilich auch ein wissenschaftliches Schwergewicht ist, daran zweifelten viele bereits bei seiner Ernennung zum Leiter des renommierten A.-Kolmogorow-Zentrums der staatlichen Moskauer Lomonossow-Universität. Eine Untersuchungskommission des russischen Bildungsministerium fand die Bedenken mittlerweile bestätigt. Die Kommission, die seit Ende November Andrijanows Dissertation durchleuchtet, stellte unter anderem fest, dass der Mann seinen akademischen Titel einer dubiosen Doktorenschmiede verdankt, die Fälschungen offenbar am laufenden Band produziert.

Von der „Spitze des Eisbergs“ sprechen Kenner des russischen Wissenschaftsbetriebs, der neuerdings nicht nur von Plagiatsvorwürfen, sondern auch von einer Finanzaffäre erschüttert wird. Sie betrifft ausgerechnet den Chef der Höchsten Kommission zur Verleihung wissenschaftlicher Titel (WAK). Felix Schamchalow wurde vorübergehend festgenommen unter dem Verdacht, umgerechnet 8,6 Millionen Euro veruntreut zu haben.

Putin-Schützling hat gefälscht

Das Kolmogorow-Zentrum trägt seinen Namen nach Andrej Nikolajewitsch Kolmogorow, der als einer der bedeutendsten Mathematiker des 20. Jahrhunderts gilt. Seit dem vergangenen Mai ist Andrijanow hier Chef. Schon damals wunderten sich Kritiker, dass er zwar Diplomchemiker ist, aber seinen Doktortitel im Fach Geschichte erworben hat.

Bei der Durchsicht seiner Dissertation stellte die Untersuchungskommission des Bildungsministeriums mittlerweile erhebliche Lücken im Literaturverzeichnis fest. Etliche der dort aufgeführten wissenschaftlichen Aufsätze existieren überhaupt nicht. Zudem hat Andrijanow ganze Seiten aus anderen Texten kopiert und ohne Quellenangabe der Arbeit eingefügt. Der Anteil von Plagiaten betrage knapp 54 Prozent, konstatierte die Kommission.

Eine weitere Merkwürdigkeit machte die Kommission stutzig. Obwohl Andrijanow Hochschullehre an der Lomonossow-Universität ist, hat er seinen Doktortitel an der Pädagogischen Universität erworben. Und dort dürfen Doktoranden offenbar mit sehr viel Nachsicht rechnen. Die Kommission überprüfte 25 an der Hochschule angefertigte Dissertationen und fand in 24 gravierende Unregelmäßigkeiten.

Vielfach waren wissenschaftliche Veröffentlichungen der jeweiligen Verfasser genannt, die es gar nicht gab, obwohl sie als unabdingbare Voraussetzung für die Promotion gelten. Der Anteil an Plagiaten erreichte in einigen Texten 90 Prozent. Falsche Doktoren seien an der Pädagogischen Universität am laufenden Band produziert worden, sagt der Kommissionschef, Vizebildungsminister Igor Fedjukin, und verlangt für sein Ministerium wirksamere Instrumente, um solche Missbräuche aufzudecken.

Trend kommt aus Deutschland

Der Präsident des Klubs der Kolmogorow-Absolventen, Alexander Abramow, winkt resigniert ab. Jene zwei Dutzend falsche Doktoren seien nur die Spitze des Eisberges. Doktortitel seien unter russischen Beamten im Moment „in“. Wie immer komme der Trend nach Russland aus dem Westen, diesmal aus Deutschland, wo er nach den jüngsten Skandalen wohl aus der Mode kommen werde.

Der ins Gerede gekommene Andrijanow kann sich immerhin auf seinen obersten Vorgesetzten verlassen. Der Rektor der Lomonossow-Universität Viktor Sadownitschi stärkt ihm biuslang den Rücken. Andrijanow sei ein „richtiger Profi“, lobt ihn Sadownitschi und rät ihm, sein Amt bis zum Abschluss der Untersuchung ruhen zu lassen.

Plagiate haben System

Die Existenz eines Marktes für gefälschte Doktorarbeiten sei ein offenes Geheimnis, weil entsprechende Angebote im Internet an mögliche Interessenten verschickt würden, sagt der stellvertretende Chefredakteur der Zeitschrift „Troizki Variant“, Michail Gelfand. In dem Fall seien sie auf ein komplettes Fälschungssystem gestoßen, das zwei Zentren besitze. Außer der Pädoagoschen Universität gebe es ein weiteres im südrussischen Astrachan.

Die Methoden seien immer dieselben. Werde dem Doktoranden vorgeworfen, keine wissenschaftlichen Artikel veröffentlicht zu haben, sage dieser, sie seien in einer Beilage der zitierten Zeitschrift erschienen, und legt sie gegebenenfalls vor. Allerdings handle es sich dann um Flsachunge, sagt Gelfand.

Sein Amt ruhen lassen muss derweil auch der für die Vergabe wissenschaftlicher Titel an höchster Stelle zuständige Schamchalow, solange die Ermittlungen in seiner Finanzaffäre andauern. Ihm wird vorgeworfen, einen für den Bau einer Elitewohnsiedlung bestimmten Kredit der Wneschekonombank in Höhe von 350 Millionen Rubel (8,6 Millionen Euro) veruntreut zu haben. Seine Diensträume und sein Landhaus seien durchsucht worden, heißt es. Die Ermittler sollen fündig geworden sein.

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