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24 zähe Stunden nicht nur für die EU-Spitzen

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08.02.2013

Sparhaushalt 24 zähe Stunden nicht nur für die EU-Spitzen

Für Journalisten wurden Stühle zu Betten und Jacken zu Decken.

Brüssel – Mehr als 24 Stunden hat es gedauert, bis sich Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und ihre EU-Kollegen auf einen Sparhaushalt für die Jahre 2014 bis 2020 einigen konnten. Mehr als 24 zähe Stunden waren es nicht nur für die EU-Spitzen, auch für zahlreiche Journalisten wurde der Gipfel in Brüssel zu einer Zerreißprobe. Für die Pressevertreter wurden Stühle zu Betten und Jacken zu Decken – geschlafen wurde aber kaum. Nur die Installation des irischen Künstlers Andrew Kearney, ein weißer Ballon an der Decke des riesigen, zum Pressebüro umfunktionierten Atriums des Ratsgebäudes, strahlte sanfte Ruhe aus.

Die 27 Staats- und Regierungschefs kämpften derweil mit harten Bandagen um ihren Erfolg. Denn jeder Mitgliedsstaat hatte vor allem sein eigenes Interesse vor Augen.

„Es wird kein Papier geben“

Dem britischen Premier David Cameron etwa ging das Streichkonzert nicht weit genug. Er drohte mit seinem Veto. Die Krisenländer kämpften dagegen um ihre Unterstützung aus Brüssel – und begehrten gegen den Vorschlag von Ratschef Herman Van Rompuys auf, noch bevor er offiziell auf dem Tisch gelandet war. Die ihrerseits auf Kürzungen pochende deutsche Kanzlerin schloss selbst ein komplettes Scheitern nicht aus.

Zum Auftakt des Gipfels wollte EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy um 15.00 Uhr einen Budgetvorschlag auf den Tisch legen. Stattdessen wurde fünf Stunden bilateral vorverhandelt. „Es wird kein Papier geben“, sagte ein EU-Diplomat schließlich. „Wir haben uns alle gewundert“, sagte einer der Journalisten. Mit jeder Stunde sei die Verwunderung größer geworden.

Inzwischen wurde Merkel und ihren Kollegen für ihren nächtlichen Gipfelmarathon ein Drei-Gänge-Menü aufgetischt. Als Vorspeise servierten die Kellner gratiniertes Seezungenfilet, zum Hauptgang wurde als Ablenkung von der zähen Haushaltsmaterie zartes Perlhuhnbrüstchen gereicht. Abgerundet wurde der kulinarische Teil des Abends von gesalzenem Biskuit mit Erdbeeren. Den äußerst langatmigen Verhandlungen verhalf das exquisite Menü allerdings nicht zu neuem Schwung.

Im Pressebüro stimmten um Mitternacht einige Redakteure, deren Kollege Geburtstag hatte, ein Ständchen ein. Die Schreiber nahmen ihre Augen vom Bildschirm ihres Laptops und applaudierten. Dann kehrten sie zu ihren Recherchen zurück. „Mir ist ganz warm ums Herz geworden“, sagte der Journalist, der heute seinen 50. Geburtstag feiert. Für ihn sei der Gipfel ein toller Ort, um zu feiern. „Ich habe viele alte Freunde getroffen, das war sehr schön.“

Scheitern jederzeit möglich

Bei Tagesanbruch war es endlich soweit: Mit 15-stündiger Verspätung wurde den Delegationen gegen sechs Uhr Van Rompuy’s Budgetvorschlag vorgelegt. Merkel sagte im Anschluss an den Gipfel: „Vor der Geschichte wird das zu einer kurzen Zeitspanne verschmelzen“. Die Journalisten konnten gemeinsam ein einziges Exemplar ergattern und versammelten sich in einer Traube um das Kopiergerät. Van Rompuy hatte seinen Vorschlag von 993 im November auf 960 Milliarden Euro abgesenkt. Ob die Mitgliedsstaaten aber damit einverstanden sind, stand offen. Auch wer wie viel in den Brüssel-Topf einzahlen muss und herausbekommt, war noch unklar. Ein Scheitern des zweiten Haushaltsgipfels schien jederzeit möglich.

Die EU-Spitzen legten nach einer ersten Verhandlungsrunde eine Pause ein, die sich zeitlich glatt verdoppelte. Erst am Freitagnachmittag führten sie ihre Gespräche fort. Die Journalisten stellten sich auf weitere Stunden im Brüssler Ratsgebäude ein. Um 16.22 Uhr endlich die Entscheidung: Die 27 Mitgliedsstaaten hatten sich geeinigt. Sichtlich erleichtert zeigten sich die Spitzenpolitiker – und auch die Journalisten waren froh, Laptop, Stift und Block vom Tisch räumen zu können – bis zum nächsten Gipfel in Brüssel.

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