Hoeneß: Flugzeugabsturz – Bilder, die bleiben

Vor 30 Jahren überlebte Uli Hoeneß wie durch ein Wunder einen Flugzeugabsturz.

Flugzeugabsturz – Bilder, die bleiben
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Heitlingen – Dichter Nebel suppt über die niedersächsische Ebene, als die sechssitzige Piper zum Landeanflug auf den Flughafen Langenhagen nördlich von Hannover ansetzt. Die kleine Maschine kommt schräg auf die Landebahn zu, der Pilot muss durchstarten. Nichts Ungewöhnliches bei dem Mistwetter, die Fluglotsen bleiben ruhig. Es ist Mittwoch, der 17. Februar 1982 und ihre Schicht hat gerade erst begonnen.

Auch bei den Insassen an Bord des Fliegers ist von Aufregung wenig zu spüren, ganz hinten rechts sitzt Uli Hoeneß und schläft. Der Manager des FC Bayern ist zusammen mit drei Kumpels auf dem Weg zum Länderspiel der deutschen Nationalmannschaft gegen Portugal. Am Steuerknüppel sitzt Ex-Skirennläufer Wolfgang Junginger, auf und abseits der Piste als Draufgänger bekannt.

Um 20.14 Uhr, in Hannover ist die Partie gerade angepfiffen worden, meldet sich der Pilot über Funk. Verstehen können die Lotsen kein Wort, Panik in Jungingers Stimme verzerrt seinen starken bayrischen Dialekt bis zur Unkenntlichkeit. Kurz darauf verschwindet die Maschine vom Radar, die Flugsicherheit löst Großalarm aus.

“Dieser verdammte Nebel”

Die Heitlinger Feuerwehr ist eine der ersten, die ausrückt. Direkt über dem Garbsener Ortsteil ist der grüne Punkt erloschen, irgendwo hier muss die Maschine runtergegangen sein. “Wir haben gesucht und gesucht, ich hab schon gedacht, wir finden nie was. Plötzlich kam dieser Jäger an, der hat den Flieger in einer Wiese gesehen, keine 150 Meter weg von der Stelle, wo wir waren. Es war dieser verdammte Nebel, man hat ja kaum die Hand vor Augen gesehen”, sagt Heinrich Deike, damals Maschinist der achtköpfigen Truppe.

Karl-Heinz Deppe heißt der Jäger, dem Hoeneß sein Leben verdankt. Deppe findet den schwer verletzten Mann im Gras vor der völlig zertrümmerten Maschine, trägt ihn in seinen Jeep und deckt ihn zu. Als der Wagen nicht mehr anspringt, schlägt er sich zu den Feuerwehrleuten durch und lotst sie zum Unfallort. “Ein Propeller hatte sich im Weidezaun verfangen, der Rumpf sich in die Wiese gebohrt. Überall lagen Trümmer, es war grauenvoll”, sagt Deike. Seine Stimme überschlägt sich kurz, als er sich erinnert. Deppe will sich gar nicht mehr erinnern, die Vergangenheit soll ruhen: “Ich habe damit abgeschlossen.”

“Unkräuter markieren die Stelle”

30 Jahre später ist von dem Grauen nichts mehr zu sehen. Die Natur hat die menschgemachte Schneise der Verwüstung gnädig überdeckt. Hans-Henning Finke weiß trotzdem noch genau, was damals passierte: “Hier ist die Maschine durch die Äste gebrochen”, sagt der Besitzer der Wiese und zeigt auf ein paar große Pappeln, die den Weidegrund begrenzen. Sein Finger wandert knapp 100 Meter weiter nach links und bleibt schließlich auf Höhe eines hellen Fleckes hängen: “Da ist sie dann liegen geblieben, man kann das heute noch sehen. Unkräuter markieren die Stelle. Unkräuter, die hier eigentlich gar nicht hingehören. Das liegt am Bodenaustausch”, erklärt der Sohn des damaligen Feuerwehrhauptmanns.

Bodenaustausch, warum überhaupt? So richtig geklärt werden konnte die Absturzursache nie, aber angeblich war die Maschine in München nicht vollgetankt worden. Keinen Tropfen Kerosin hätten die Einsatzkräfte gefunden, hieß es damals, Heinrich Evers kann das bestätigen: “Ich hab mich gewundert, dass da nichts brennt. War ja schon ungewöhnlich, so zerfetzt, wie das Ding war”, sagt der ehemalige Feuerwehrmann. Beim Erzählen stützt sich Evers auf die Mistgabel, mit der er eben noch seine Kühe fütterte.

Er scharrt nervös mit dem Gerät, als er tief in seiner Erinnerung gräbt: “Das war ein grausliger Anblick. Der Hoeneß war ja schon im Jeep, als wir kamen. Aber die anderen drei lagen noch drin. Ganz verdreht waren die, aber geblutet hat keiner.” Neben Junginger (30) saßen noch Student Thomas Kupfer (25) und Verlagsleiter Helmut Simler (35) in der Unglücksmaschine.

Eine Flasche Weinbrand gegen die Bilder

Die Wunden aller Beteiligten sind tief. Manche kommen besser damit zurecht, manche weniger. Deppe möchte sich nicht mehr erinnern, Hoeneß kann sich nicht mehr erinnern. Der Bayern-Manager geht dennoch auf Nummer sicher: “Der Platz hinten rechts im Flugzeug, wo ich damals saß, war der einzige, der einigermaßen unversehrt blieb. Seit dem Absturz setze ich mich in kleinen Charter-Maschinen immer nach rechts hinten.”

Und die Feuerwehrveteranen? “Um die Bilder zu verdauen, haben wir den Abend mit einer Flasche Weinbrand abgeschlossen. Aber das ist ja auch keine Lösung”, sagt Deike. Der Rentner weiß, was helfen würde: “Hoeneß hat sich bei Deppe bedankt, bei seinem Arzt und seiner Krankenschwester. Nur wir haben nie was von ihm gehört. Dabei haben wir seinen Krankenwagen aus dem Morast geschoben und diesen furchtbaren Ort mit den verdrehten Leichen aufgeräumt. Ein kleines Zeichen der Wertschätzung wäre schön.”

© dapd / newsburger.de - maa
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